23.11.06
Champions League / 5.Spieltag
Weserwunderland
 
Autor: Tim Sohr

Es ist ein Wunder, dass der Hamburger SV es in dieser Spielzeit schafft, jegliche Formen, die eine Niederlage annehmen kann, auszureizen. Die Mannen um (Noch-?)Trainer Thomas Doll verlieren mal knapp, mal hoch, mal unverdient, mal sang- und klanglos – die einzige Konstante in der Hansestadt ist, dass verloren wird. Meistens. Auf welche Weise auch immer. Am Dienstag bei Arsenal in London war es eine Führung nach guter kämpferischer Leistung und einer 1:0-Halbzeitführung durch ein Traumtor von Rafael van der Vaart. Doch erneut waren es nicht zuletzt unfassbar schlechte Einzelleistungen von arbeitsverweigernden Profis wie Timothee Atouba oder dem eingewechselten Daniel Ljuboja, die jeglichen Beweis internationaler Konkurrenzfähigkeit schuldig blieben und den HSV um den Lohn durchaus ehrenwerter Mühen brachten. Es ist ein Wunder, dass Thomas Doll unter diesen Voraussetzungen noch Trainer dieses Teams ist. Schon zwei Stunden vor der Partie in London hatte „SportBild“ per Newsletter von Dolls beschlossener und unmittelbar bevorstehender Entlassung berichtet. Dietmar Beiersdorfer zeigte sich empört und Bernd Hoffmann dementierte umgehend – nach dem letzten Stand aus Hamburg soll Doll bis Weihnachten Zeit bekommen, die Mannschaft in den Griff zu bekommen. Eine Aufgabe, um die er - bei dem offensichtlichen Mangel an Klasse im Kader – wirklich nicht zu beneiden ist.
Es ist ein Wunder, dass dem FC Bayern in dieser Vorrunde ein einziges überzeugendes CL-Spiel (das 2:0 bei Inter Mailand) gereicht hat, um vor dem letzten Spieltag nur ein Heim-Remis gegen Mailand zu benötigen, um die Gruppe B zu gewinnen. Das spricht gegen die Leistungen des FC Porto und Spartak Moskau, ein besonders schlechtes Zeugnis stellt es jedoch dem, sich auf internationalem Parkett völlig unter Wert verkaufenden, Tabellenführer der Serie A aus. Der Vereinsfußball im Land des amtierenden Weltmeisters hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Spieler des AS Rom werden nach ihrer hochnotpeinlichen 0:1-Niederlage bei Schachtjor Donezk ein Lied davon singen können, genauso wie der AC Mailand nach dem 0:1 bei AEK Athen. Die bösen sportlichen Folgen des Skandals kann kein noch so zwielichtiges Gerichtsurteil verhindern. Es ist ein Wunder, wie völlig selbstverständlich der SV Werder Bremen inzwischen auf der größten Bühne des Vereinsfußballs eine der allerersten Geigen spielt. Nach monumentalen Champions-League-Rückschlägen der letzten Jahre wie dem 2:7 gegen Lyon oder Tim Wieses Haupt-Rolle in Turin zeigt sich die Schaaf-Truppe im Spätherbst 2006 reif, intelligent und auf taktisch höchstem Niveau. Selbst die Schwächeperiode des großen Miroslav Klose, der auf dem Platz momentan seltsam unausgeglichen, übermotiviert und zuweilen ungewohnt aggressiv agiert, wird beispielhaft kompensiert.
Es ist ein Wunder, was für eine unglaubliche Stabilität Neuzugang Per Mertesacker der Bremer Abwehr, in den letzten Jahren traditionell eher das große Problemkind im Bremer Spiel, gegeben hat - das letzte Stück im umfassenden Erfolgspuzzle von Thomas Schaaf und Klaus Allofs. Am Mittwoch war Mertesacker dank seines 1:0-Siegtores gegen Chelsea der Matchwinner. Dass er nebenbei auch noch nacheinander Didier Drogba und Andriy Shevchenko völlig aus dem Spiel nahm und dafür sorgte, dass keiner der beiden Stürmer-Weltstars zu einer Torchance aus dem Spiel heraus gelangten, ist ungleich höher zu bewerten und beweist, auf welchem Niveau sich der Abwehrschlaks inzwischen bewegt.
Es ist ein Wunder, dass das Bremer Auftreten kaum noch jemanden erstaunt. Bis auf die Moderatorin der Sat.1-Nachrichtensendung „Die Nacht“, Claudia Eberl, die aufgeregt verkündete: „In zwei Wochen spielt Werder Bremen nun also in Barcelona – wer hätte das zu Beginn der Saison für möglich gehalten?“
Nun ja – wahrscheinlich jeder, der zu Beginn der Saison einen Blick auf den Vorrundenspielplan der Champions League geworfen hat. Da war der Termin schließlich vermerkt:
Dienstag, 5. Dezember: FC Barcelona – Werder Bremen.
Hätte sogar die Sat.1-Nachrichtenmoderatorin für möglich halten können. Aber nichts für ungut: Die Spannung, die dieses „Endspiel“ garantiert, lässt niemanden kalt. Kein Wunder, wenn man da zwischenzeitlich mal ein wenig den Überblick verliert.

 
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