14.09.06
Champions League / 2.Spieltag
Die Lineker-Lüge
 
Der junge Mann neben mir wird nicht müde, ob seiner Aufregung hinsichtlich der Ereignisse auf dem grünen Bremer Rasen. Carlos Puyol verwandelt eine Hunt-Flanke ins eigene Tor und bringt Werder Bremen 1:0 in Führung. Die Freude ist riesig. Das Wunder von der Weser nimmt Formen an. Denn zu Gast ist Europas beste Vereinsmannschaft, der FC Barcelona , aber Taktführer des Spiels ist der deutsche CL-Vertreter. Noch 15 Minuten kollektives Bangen, hundertprozentige Konzentration und beschwörerische Glaubensbekundungen in Richtung Fußballgott. Heute Abend ist Weser-Wunder-Zeit. Der Biss in den Vereinsschal dauert nunmehr ganze zehn Minuten, und das Spiel vielleicht noch fünf. “Kommt schon, aufpassen.” nuschelt’s neben mir in die 100% Polyester. 22:29 Uhr. Noch eine Minute. Dann: Schweigen. Kopfschütteln. Entsetzen. Bis zum Wutausbruch eine Minute später. “Immer das gleiche! Jedesmal! Verdammte…” Der Schal landet auf dem Boden.


Ortswechsel:
Mailand, 22:30 Uhr, ein lauer Spätsommerwind bläst durch San Siro. Die Frisur sitzt. Lukas Podolski macht sich bereit, legt sein gelbes Leibchen beiseite und marschiert Richtung Außenlinie. “Poldi, willst du noch ein paar Minuten spielen?”, “Ja, Trainer.” Einwechslung im Spiel Inter Mailand gegen Bayern München. Spielstand: 0:1. Es sieht gut aus für den deutschen Rekordmeister.

Rückflug:
Moskau, 22:30 Uhr, russische September-Kälte. Die Frisur sitzt. Thomas Doll schreitet enttäuscht zu seinen Jungs. Das war es dann wohl. Zweite Niederlage im zweiten Spiel. Keine Torchance nach 90 Minuten für den HSV beim vermeintlich schwächsten Gruppengegner ZSKA Moskau.
Zurück in die Zukunft:
Zurück nach Mailand. Lukas Podolski rennt allein auf Torwart Cesar zu. Blinker links und rechts vorbei. 2:0. Die Bayern haben ihren lang ersehnten großen Auswärtssieg gegen schwache Italiener und führen mit sechs Punkten souverän die Tabelle B an.

Heimreise:
Bremen, 22:30 Uhr, Flutlichthitze im Weserstadion. Die Frisur sitzt. Miroslav Klose verlässt an der Mittellinie das Spielfeld. Kollege Klasnic darf ran. Sekunden zuvor schien die Bremer Welt noch in Ordnung. Ein großes Spiel gegen einen großen Gegner. Bis zur 89. Minute. Wäre da nicht der Geistesblitz von Deco gewesen. Im Doppelpass mit Lionel Messi, schickt er diesen Steil, so dass Torwart Tim Wiese, der bis dahin glänzend pariert hat, geschlagen im Fünfmeter-Raum liegen bleibt, denn Maradonas Erbe hat soeben getroffen. Ausgleich. Aber keine Gerechtigkeit.

Die Worte meines Nebenmannes irritieren mich. “Jedesmal das Gleiche!” Dabei heißt‘s doch: “Ein Spiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnen immer die Deutschen.” Schlusspfiff. Das Wunder von der Weser bleibt aus. Wie schon ein Jahr zuvor im Spiel gegen Juventus Turin. Wie auch in anderen deutschen Städten schon andere Wunder ausgeblieben sind: Bochum verpasste die Uefa-Cup-Hauptrunde gegen Brügge anno 2005, Leverkusen scheiterte einst an Real Madrid. Dazu das deutsche Aus gegen Italien. Wo ist sie hin, die deutsche Fußball-Souveränität? Ein Spiel dauert 90 Minuten - stimmt - und am Ende gewinnen immer die Deutschen - stimmt nicht, nicht mehr, Herr Lineker.


                                                                         Henning Hildebrandt

 
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