29.11.07
Europapokal / 5. Spieltag
„Ein Sieg der Leidenschaft“
 
Autor: Henning Hildebrandt

Mit diesen Worten kommentierte Premiere-Champions-TV-Experte Lothar Matthäus das Spiel des SV Werder Bremen gegen Real Madrid nach 90 bauchpinselnden Minuten. Und dies war einer der ganz wenigen Fälle, in denen der weise Lothar tatsächlich mal Recht haben sollte. Denn Bremen gelang mit einer Rumpfelf ohne eigentliches Mittelfeld ein 3:2-Heimerfolg über die Königlichen, die soweit vom früheren „Galaktischen“ entfernt waren wie das Weltall groß ist. Aber diese Erkenntnis soll den Bremer-Sieg nicht schmälern. Ganz im Gegenteil: Er ist angesichts der Personalnot und der Ausgangsposition, bei einer Niederlage möglicherweise alles zu verspielen, kaum hoch genug zu würdigen. Es war einer jener Abende, die beinahe gänzlich ins Vergessen geraten sind. Spannend, dramatisch, überraschend und am Ende: Sogar erfolgreich! Nein, das 3:3 ist nicht mehr gefallen. Und nein, das Auslassen einer Hundertprozentigen durch Carlos Alberto, der mit seinem ersten Ballkontakt nach seiner Einwechslung für Sanogo – pädagogisch wertvoll – völlig frei aus sechs Metern an Casillas scheiterte, wurde wider Erwarten nicht bestraft. Die völlige Ratlosigkeit aus den letzten Monaten und fast schon Jahren, die sich aufgrund der immer wiederkehrenden Tragik des Nicht-Gewinnen-Könnens zum internationalen Alltags-Moment um 22:45 Uhr mauserte, musste weichen: Kurzes Entsetzen. Kurzes Verweilen. Zögerliche Freude. Suchende Blicke der Vergewisserung. Und dann und darauf: Ein hohes Prost, Freunde der scheinbar unendlichen Leidenszeit. Doch, und hier trifft der Lothar die Zeichen der Zeit, muss vor zuviel Übermut gewarnt werden. War dies ein Sieg der Leidenschaft, so muss ein Sieg der Souveränität folgen. Denn gegen die Großen über sich hinaus zu wachsen, ist nichts Neues. Schalke spielte stark gegen Chelsea. Sogar Stuttgart war nicht hoffnungslos unterlegen gegen Barcelona. Und über das Jahr hinaus gesehen, war Bremen in der letztjährigen Todesgruppe den beiden Genannten bis zum letzten Spieltag nahezu gleichwertig. Gegen die Unbekannten enttäuschten die deutschen Vereine jedoch immer wieder mit beachtenswerter Kontinuität. So bliebe der gestrige Erfolg nur ein gestriges Ereignis, würde Bremen nicht in Piräus gewinnen und Schalke nicht gegen Trondheim das Weiterkommen sichern. Also Mut zur Souveränität. Und um mit dem Großmaul der Neunziger zu schließen: „In meiner journalistischen Tätigkeit, habe ich bereits vor der Saison gesagt, dass Bremen an Boubacar Sanogo viel Freude haben werde.“ Scho’ recht, Loddar, alter Experte. Glückwunsch zu zwei Treffern bei einem Sack voll gesagtem Müll.



 
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