09.11.07
Europapokal / 4. Spieltag
Jenseits von Europa
 
Autor: Tim Sohr

Wie viel Geld hat eigentlich der FC Porto? Oder Rosenborg Trondheim? Fenerbahce Istanbul, anyone? Olympiakos Piräus? Natürlich überschreiten die Summen, über die die Klubs aus der Premier League und der Primera Division verfügen, das Budget der genannten Vereine um ein Vielfaches. Mit demselben Nachteil müssen auch die Vereine der Bundesliga leben. Der Unterschied: Porto, Trondheim, Istanbul und Piräus, vier Teams aus vier komplett unterschiedlichen Kulturkreisen des europäischen Fußballkontinents, stehen zur Zeit auf einem der beiden ersten Plätze ihrer CL-Gruppen und überzeugen jeweils mit frischem und furchtlosem Fußball – und das auch gegen Kontrahenten Marke FC Liverpool, FC Chelsea, Valencia, Real Madrid oder Inter Mailand. Währenddessen überbieten sich die Vereine der „boomenden“ Bundesliga in dekadenter Peinlichkeit auf dem Platz. Der deutsche Meister Stuttgart hat es nun geschafft, vier seiner vier Spiele zu verlieren und als einziges Team des laufenden Wettbewerbs sogar die Chance auf einen Verbleib im UEFA-Cup verspielt zu haben. Bremen hat sich nicht erst in Rom weit unter Wert verkauft und damit ernste Zweifel am Charakter seines Kollektivs aufkommen lassen. Und der FC Schalke schenkte vor einigen Wochen seinem Gruppenschlusslicht FC Valencia beim Heim-0:1 die einzigen Punkte der bisherigen CL-Saison und freute sich diesmal über eine ordentliche, aber auch absolut unverzichtbare Leistung gegen Chelsea mit übertriebener Selbstüberzeugung. Schöner Schein! Unterdessen beteuern die Sportdirektoren und Manager der deutschen Spitzenvereine stets und unermüdlich, dass man mit den Teams aus den Top-Ligen Europas finanziell und daher auch sportlich nicht mehr mithalten könne. Die oben aufgeführten „Erfolgs-Exoten“ halten der Absurdität dieser Ausrede nicht nur den Spiegel vor, sie zeigen auch auf, wie man mit Qualitäten wie Kampf, Einsatz und mannschaftlicher Geschlossenheit weit mehr erreichen kann als der knappe Geldbeutel hergibt. Je länger man in den Bundesliga-Vereinen die finanzielle Unterlegenheitskarte spielt, desto schneller wird sich dieses peinliche Alibi abnutzen. Abgesehen davon, dass die Gegner aus England oder Spanien längst nicht mehr der Maßstab für die Bundesliga sein können. Rumänien oder Schottland – das sind die Nationen, in deren Richtung der deutsche Vergleichsblick schweifen sollte. Denn wenn ein international renommierter Klub wie Werder Bremen vor der wegweisenden Begegnung bei Lazio intern die Marschroute ausgibt, dass „verlieren verboten“ ist, dann darf es nicht passieren, dass sich die Mannschaft am selben Abend wie eine uninspirierte Zweitligamannschaft aufführt. Und dann ist es beim besten Willen auch keine Frage des Geldes, sondern, tatsächliche eine Frage des Charakters.
Momentan sieht es ganz so aus, als hätten die Bundesligisten ab Dezember frei, wenn sich die gutklassigen Teams aus Europa auf den weiteren Weg gen Finale in Moskau machen. Dann können sich Werder, Schalke oder der VfB wieder ganz auf die Liga konzentrieren, und darum kämpfen, einen Platz im internationalen Wettbewerb zu erreichen. Wo sie dann in der kommenden Saison erneut hinter ihren eigenen Erwartungen und denen der deutschen Fußballfans zurückbleiben werden. So muss man es inzwischen befürchten. Alle Jahre wieder. FC Bayern, komm bald wieder, bald wieder zurück. Trotz 2:2 gegen Bolton. Denn so wenig diese Erkenntnis den Bayern-Hassern der Republik nicht schmecken wird: Die Bundesliga braucht den selbsternannten „Stern des Südens“, sonst befindet sie sich bald völlig jenseits von jenem Europa, in dem der gute Fußball rollt. Ein so schlichtes wie hartes Fazit, gänzlich frei von Ironie.





 
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