24.05.07
Champions League / Finale
Traumfinale
 
Autor: Henning Hildebrandt

Traumfinale. Sollte der Fußball-Fan denken. In über 200 Ländern dieser Erde. In China. In Deutschland. Oder in Südafrika. Überall auf der Welt. Hieß die Final-Paarung der diesjährigen Championsleague doch FC Liverpool gegen AC Mailand. 2007 wie 2005.
Dass die Erwartungen, zumindest ein ähnlich packendes und spannendes Spiel wie zwei Jahre zuvor verfolgen zu dürfen, nicht werden erfüllt werden können, schien bereits vor Anpfiff der Partie in Athen klar. Ein Jahrhundertspiel wiederholt sich eben nicht alle Jahre wieder. Und wäre es doch so, dann wäre es wohl auch vermessen, überhaupt von Jahrhundertspielen zu reden. Also mäßigten weltweit alle ihre Vorfreuden auf das bedeutendste Ereignis im Vereinsfußball, gleichwohl nicht ahnend, dass die dennoch schlummernden Hoffnungen auf einen modernen Klassiker in derartig unterhaltungsarmer Weise tatsächlich zerstört werden würden. Denn die Paarung hieß immer noch Milan gegen Liverpool. Und nicht Milan gegen Juventus. Oder Milan gegen Marseille. Und doch ist das Finale von Athen spielerisch wie dramaturgisch in die Riege der beiden Letztgenannten einzuordnen.

Kaum Torchancen, keine spielerischen Glanzmomente und keine packende Schlussoffensive einer „alles-oder-nichts“-spielenden Mannschaft im Rückstand. Und selbst wenn Herbert Fandel, Schiedsrichter dieser erbärmlichen 90 Minuten, die Nachspielzeit hätte so lang laufen lassen wie von Außen angezeigt, selbst dann wäre wohl nichts sonderliches mehr passiert. So passte die Endphase zum gesamten Spielverlauf:
Ein glückliches 1:0 nach einem Freistoß durch Milans Pirlo. „Natürlich Pirlo“, wie Fritz von Thurn und Taxis durch sein Mikrofon kommentierte, aber völlig unerklärt ließ, was daran für ihn „natürlich“ gewesen ist. Wohl auch nicht erklären konnte, da Inzaghi den Ball entscheidend abfälschte und – natürlich – auch als Schütze gefeiert wurde. Halbzeit zwei verlief ähnlich kläglich wie die erste. So schoss Inzaghi (natürlich, warum auch nicht) sein zweites Tor. Kurz vor Ende der Anschlusstreffer durch Kuyt zum 1:2 und die Chance auf eine kleine 2005-Renaissance keimte zumindest kurz auf…

Erinnerungen:
Wir schreiben die 54. Minute. Spielstand: 3:0 für Mailand. Dann: Tor. Zu einem Zeitpunkt, an dem wohl keiner ernsthaft an eine Auferstehung der Reds in Istanbul zu glauben wagt. Zu eindeutig verlief die erste Halbzeit und zu dominant erscheint der AC Milan in diesem Finale, das bis dahin spielerisch zwar hochklassig war, dramaturgisch jedoch eher an eine DFB-Pokal-Erstrundenpartie zwischen dem FC Bayern München und irgendeinem dahergelaufenen Viertligisten glich. Würde es noch einmal spannend werden? Zwei Minuten später, die Freude über den Ehrentreffer noch nicht verklungen, wird es…spannender. Hamann auf Smicer, Flachschuss aus sechzehn Meter von halbrechter Position ins lange Eck. 2:3. Weitere vier Minuten später meldet sich Jörg Wontorra, der an Unfähigkeit kaum zu unterbietende „Fußballfachmann“ mit den Worten: „Er gibt Elfmeter!“ Der wird – natürlich: Gehalten. Nachschuss, 3:3. Nach 120 Minuten, mehreren Wadenkrämpfen und zwei Glanzparaden von Dudek gegen Shevchenko in Minute 117 später, muss das Elfmeterschießen entscheiden, wer Europas beste Vereinsmannschaft ist. Ein anderes Ende wäre auch gar nicht stilgerecht gewesen. Hamann läuft zum ersten Elfmeter an: 4:3…Der Rest ist bekannt: Am Ende steht es in großen Lettern auf der Anzeigetafel des Olympiastadions zu Istanbul: 6:5 für Liverpool. Fußball-Fan zu sein, ist an solchen Tagen wahrhaft schön…

Ähnliches auch 2007?
Fünf Minuten verbleiben noch. Nur ein Tor bis zur Verlängerung. Und noch einmal die Hoffnung derer, die damals nicht dabei waren, ähnliches erleben zu dürfen, und derer, die es erlebt hatten, weiter in Erinnerungen schwelgen zu können. Vielleicht doch ein Traumfinale, eines mit Verspätung? Nein. Lediglich ein kurzer Moment des Träumens. Denn so unspektakulär das Spiel bis hierhin war, so schlecht blieben die letzten drei gefahrlosen Minuten, und genauso stilgerecht wurde es durch den unerwartet frühen Abpfiff auch beendet. So war es ein Finale wie viele zuvor. Mit drei Minuten, in denen wenigstens geträumt werden durfte. Traumfinale. Glückwunsch Mailand. Zum Titel. Nicht zum Spiel.

 
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