27.05.07
DFB-Pokal, Finale
Cacau ist nicht Red Sonja

Autor: Daniel Wehner


Eines war klar: An diesem verregneten Pokalabend sollte Geschichte geschrieben werden. Und zwar richtige Geschichte – nicht etwa solche, die den FC Bayern München in seiner Position als Rekordpokalsieger festigt. Denn sowohl der VFB Stuttgart als auch der 1. FC Nürnberg konnten historisches schaffen: Stuttgart zum ersten Mal das Double holen, Nürnberg nach der Meisterschaft 1968 den ersten Titel einfahren. Entsprechend pathosträchtig viel auch die mediale Vorberichterstattung aus – zu Recht, wie sich im Nachhinein zeigte. Was die 74400 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion geboten bekamen, war ein Spiel von höchstem Unterhaltungswert. Unbedingter Einsatzwille gepaart mit Spielkultur und einem perfekt inszenierten Drehbuch sorgten bis zur letzen Minute der Verlängerung für ein ausgeglichenes Spiel, das nahezu frei an spannungsarmen Momenten war.

Einziger Wehrmutstropfen: Die Spieler im Dress der Schwaben schienen „leicht“ übermotiviert. Ihren Höhepunkt fand dieses Übermaß an Einsatzbereitschaft nicht etwa durch die rote Karte für Cacau (schoss nach schöner Vorarbeit von Khedira das 1:0), der einen Faustschlag ausgepackt hatte, den man ob seiner Harmlosigkeit eher im Frauenfinale erwartet hätte. Um etwaigen Entrüstungsstürmen fußballinteressierter Feministinnen vorzubeugen, und keine Klischees zu fördern: Auch Frauen können brutal und alles andere als harmlos sein: Tribut an Xena (Lucy Lawless), Susi Kentikian und Red Sonja (Brigitte Nielsen). Genug Tribut, zurück zum Thema: Der unangefochtene Klimax Stuttgarter Brachialität ereignete sich kurz nach der roten Karte (31.). Fernando Meira versuchte mit offener Sohle durch das Schienbein von Marek Mintal (Torschütze zum 1:1) zu grätschen. Folge: Mintal wurde auf direktem Wege ins Krankenhaus befördert, Verdacht auf Innenbandanriss, in der EM-Quali (6. Juni) verletzungsbedingtes Fehlen gegen Deutschland. Das Foul ahndete Schiri Michael Weiner (Kicker-Note: 5,5) mit Gelb. Horst Heldt war nach dem Spiel nicht der Einzige, der von der „Inkonsequenz des Schiedsrichters“ sprach.

Und so standen die an Torszenen reichen ersten 30 Minuten zunächst im Schatten der unrühmlichen Stuttgarter Aggressions-Aktionen: Der Boulevard wartete später mit Begriffspaaren wie Treter-Truppe auf, um diese Ereignisse adäquat zusammenzufassen. Doch ist nicht zu vergessen: Die zweite Halbzeit bot wie die Verlängerung in weniger giftiger Atmosphäre ein Spiel, in dem Sieg und Niederlage nah beieinander lagen, und der Ausgang bis zur letzten Sekunde völlig offen war. Nachdem Nürnberg durch Engelhardt in Führung ging und das Ergebnis verwaltete, versuchte Stuttgart das Spiel im Anschluss an den Pardo-Ausgleich noch in den regulären 90 Minuten für sich zu entscheiden – mit ausbleibendem Erfolg. In einem Pokalfight, der diesen Namen auch verdiente, bemerkte ARD-Kommentator Steffen Simon: „Ich habe selten in einem Spiel so viele Spieler mit Wadenkrämpfen gesehen.“ Khedira, Pinola, Hilbert; kaum ein Spieler, der nicht an seine Leistungsgrenze ging, um zu fortgeschrittenem Zeitpunkt mit zusammengezogener Oberschenkelmuskulatur auf dem Spielfeld zu liegen, und dem Laufpensum Rechnung zu tragen. Letztlich hatten die 90 Minuten in Unterzahl spielenden Stuttgarter dem Unter-die-Latte-Schaufler (109.) von Kristiansen nichts mehr entgegenzusetzen. Ein würdiges Tor für eines der besten Pokalendspiele der vergangenen Jahre. Bleibt festzuhalten: Nürnberg gewinnt den Pokal, und Cacau ist nicht Red Sonja – auch, wenn Schiri Michael Weiner das anders sieht.

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