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21.12.06 DFB-Pokal, 3.Runde:
Ein Tollhaus namens Tivoli Autor: Tim Sohr
Ein besonderes Phänomen im deutschen Fußball sind die so genannten „Tollhäuser“. Darunter versteht man die Heimstadien von meist kleinen und finanzschwachen Vereinen. Tollhäuser haben keine Laufbahn, fassen selten mehr als 20.000 Zuschauer und beherbergen eine Fan-Spezies, die sich dank besonders ausgeprägter Durchgeknalltheit vom Rest der Stadionwelt abhebt. Auch in anderen Stadien wird gejubelt, gesungen und gepöbelt, in Tollhäusern wird aber noch viel lauter gejubelt, gesungen und gepöbelt. Tollhäuser sind das Gegenteil des Bernabeu-Stadions von Madrid oder der früheren „Highbury Library“ von Arsenal London, wo die Fans vergleichsweise leise und gleichzeitig überkritisch mit ihrer Mannschaft sind und die Stimmung eher einem Familienpicknick oder einem Geschäftsessen gleicht. Zu den Tollhäusern Deutschlands gehören oder gehörten – zumindest zeitweise – zum Beispiel das Millerntorstadion des FC St.Pauli (auch das musste der besiegte Weltpokalsieger Bayern München einst bereits am eigenen Leib erfahren), das Dreisamstadion in Freiburg, das Mainzer Stadion am Bruchweg oder die Bremer Brücke des VfL Osnabrück. Am tollsten geht es aber wahrscheinlich auf dem Aachener Tivoli zu. Fast jeder Erst- oder Zweitligaprofi zuckt zumindest respektvoll mit der Augenbraue, wenn das Heimstadion der Alemannia zur Sprache kommt. Und schon vor zwei Jahren, zu Beginn des Jahres 2004, war dort für die Bayern DFB-Pokal-Endstation, als Oliver Kahn einen Flatterball aus 30 Metern passieren ließ und damit die Niederlage der Münchner einleitete.
Die Bayern waren also gewarnt – und wurden dennoch überrollt. Lange müssen die Statistiker blättern, wollen sie ein nationales Pflichtspiel finden, an dem der FC Bayern bereits zur Halbzeit mit 0:3 zurückgelegen hat. Der eingewechselte Podolski brachte dann zwar frischen Wind und dank einer großartigen Einzelleistung die Bayern wieder ins Spiel, doch in der 90.Minute machte Jan Schlaudraff, der Münchner in spe, mit einem unwiderstehlichen Tempodribbling (das Schlagwort zur Rechtfertigung der Bayern, ihn zu verpflichten) dem verzweifelten und wenig überzeugenden Anrennen der Bayern ein Ende.
Die Aachener ziehen ins Viertelfinale ein, zusammen mit sechs weiteren Erstligisten, denn man kann dem DFB-Pokal auch anno 2006 wieder einiges vorwerfen, nicht aber, dass aufmüpfige Vereine aus unteren Ligen Furore machen würden. Im Pokal scheint nicht mehr „alles möglich“ zu sein, wie unterlegene Bundesligisten das sonst oft zu erklären versuchten, und auch das mit den eigenen Gesetzen gilt in dieser Spielzeit nun wirklich nicht. So tummelt sich unter den letzten Acht neben Zweitligist Kickers Offenbach, die sich gegen die Ligakonkurrenz aus Burghausen mit 2:1 durchsetzen konnten, die gehobene Mittelklasse der Bundesliga: Frankfurt, dank eines Verlängerungstriumphes über das unter Daum immer noch sieglose Köln, Wolfsburg dank seltener Disziplin in Fürth, Berlin trotz Tollhaus-Handicap in Osnabrück, Hannover dank farblosem 1:0 über Duisburg, Stuttgart dank eines furiosen Thomas Hitzlsperger beim 4:1 in Bochum, und Nürnberg dank Daniel Klewer, dem nominellen Ersatztorwart, der gegen die SpVgg Unterhaching sagenhafte vier Elfmeter parierte und den Rekord des Gladbachers Uwe Kamps aus dem Jahr 1992 damit einstellte. Sie alle freuen sich auf ein Viertelfinale am 27. und 28. Februar, an dem dann vielleicht mal wieder „alles möglich“ ist, weil der Pokal ja irgendwie doch seine eigenen…aber genug davon. Sie alle haben für die Auslosung am 7. Januar vor allen Dingen einen Wunsch: Bitte nicht auf den Tivoli! Sonst ergeht es ihnen wie den Bayern, die den Journalisten von „Welt“ bis „kicker“ die Steilvorlage für die simpelste aller Überschriften lieferten: Schöne Bescherung! Dem kann sich die Redaktion von pokalo.de nur anschließen. In jeder Hinsicht.
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