11.09.06
Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin.
Oder: Der Pokal und seine eigenen Gesetze.

 
Metzger, Auszubildende, Studenten oder gar Schüler hatten in jenen Tagen des vergangenen Wochenendes allesamt einen Traum. Die Fahrt mit dem Mannschaftsbus nach Berlin. Ankunftszeit: 26.05.2007. Ankunftsort: Olympiastadion. Spielstätte der Berliner Hertha und alljährlich Austragungsort des Endspiels im DFB-Pokal.
Rein tabellarisch gibt es in diesem noch immer renommeeträchtigen Wettbewerb unter 64 Mannschaften 18 Turnierfavoriten und 46 Mannschaften, die den Sport nicht professionell ausüben. Doch der Pokal hat seine eigenen Gesetze, und Qualität der Spieler, Professionalität der Vereine und Höhe der Monatsgehälter bestimmen zwar die Wettquoten, nicht jedoch den Spielausgang. Zumindest sollte dies nicht der Fall sein. So freuen sich die Außenseiter sehr, wenn sie auf einen der Publikumsmagnete der Bundesliga treffen dürfen, denn das garantiert jedes Mal hohen Zuschauerzuspruch, etatrettende Finanzquellen und den sportlichen Höhepunkt bei Spielern, die sonst größtenteils wenig fußballerische Glanzpunkte in ihrer Karriere haben.
Ob der SC Pfullendorf derartige Luftsprünge gemacht hat, als das Glückslos Arminia Bielefeld gezogen wurde, erscheint fraglich. 4022 Zuschauer verirrten sich ins ehemalige Waldstadion an der Kasernenstraße – ein Straßenfeger ist die Arminia wohl trotz Bundesligadasein nicht. Dafür aber gab es den kaum für möglich gehaltenen sportlichen Erfolg. Der Regionalligist, der nur aufgrund mangelnder Lizenz des 1. SC Feucht nicht in die Oberliga absteigen musste, gewann sein Erstrundenspiel und darf weiter vom Pokalgewinn träumen.
Neben Bielefeld sollten weitere Bundesligisten den besonderen Pokalgesetzen zum Opfer fallen. Die größte Überraschung schaffte dabei der FK Pirmasens, gleichfalls gefürchteter Regionalligist, im Spiel gegen den fünfmaligen Pokalgewinner SV Werder Bremen. Der ersatzgeschwächte Meisterschaftsanwärter von der Weser konnte das Debakel in der Pfalz nicht verhindern, ließ zahlreiche gute Torchancen aus und geriet nach einem Torwartfehler von Andy Reinke, der in Bremen hauptberuflich Böcke zu schießen scheint, in Rückstand. Zwar egalisierten die Werderaner dieses 0:1, letztlich jedoch nur, um in der Verlängerung weiterhin am Drittligisten zu verzweifeln. Der Pokal sollte seine beliebteste Entscheidungsform finden: Elfmeterschießen zwischen Topfavorit und Underdog, das letzterer eigentlich gar nicht verlieren kann. Beim Fußballklub 03 hielten die Nerven und Bremen musste wenige Tage vor dem Championsleagueauftakt gegen den FC Chelsea geschlagen die Heimreise antreten. Neben den Bremern dürfen auch die Hamburger die Pokalkoffer wieder einpacken. Die Hanseaten boten im Duell mit dem Regionalligisten Stuttgarter Kickers den spannendsten Pokalfight der ersten Hauptrunde. Jedoch setzte sich auch hier der Amateurverein gegen den CL-Teilnehmer dank einer überaus starken kämpferischen Leistung durch. Nach dem Ausgleichstreffer in der 89. Spielminute durch den Stuttgarter Yildiz verwandelte Okpala einen berechtigten Foulelfmeter zum 4:3 für die Schwaben und sicherte das Weiterkommen nach 120 unterhaltsamen Minuten.
Als einzige schafften es die Bayern der – zur Zeit lediglich mentalen – Dreifachbelastung zu trotzen. Schwer gezeichnet gewann der amtierende Titelträger den Klassiker gegen die aufopferungsvoll kämpfenden Weltpokalsiegerbesieger aus dem Hamburger Stadtteil St. Pauli nach Verlängerung durch einen Torwartfehler des bis dahin überragenden Paulischlussmannes Borger. Nebenbei sei bemerkt, dass Lukas Podolski 26 Sekunden nach seiner Einwechslung durch seinen ersten Pflichtspieltreffer in München angekommen ist. Ob er auch in Berlin ankommt, bleibt abzuwarten. Während der Halbzeit noch wurde jemand anders lauthals von den Paulifans gefeiert. Der ZDF-Sportmoderator Michael Steinbrecher. „Du hast die Haare schön“ skandierten die 20.000 Zuschauer - Geschmackssache. Dass das Millerntor das englischste aller deutschen Stadien ist, bewiesen die Hamburger eindrucksvoll nach der unglücklichen Niederlage. „You’ll never walk alone“ und braun-weiße Schals prägten den Abend nachhaltig. Im Georg-Melches-Stadion siegte RW Essen als frischer Zweitligist gegen den FC Energie Cottbus und in Saarbrücken freuten sich die Anhänger des 1. FC über ein 1:0 gegen Bundesligist Mainz 05.
Andere Bundesligisten erfüllten ihre Favoritenrolle besser und gewannen klar gegen unterklassige Gegner, so der FC Schalke 04, die Borussia aus Dortmund und der VfB Stuttgart.
Ob der Pokal tatsächlich seine eigenen Gesetze hat oder ob hochmotivierte Amateure lediglich wieder einmal bewiesen haben, dass für ein Spiel die bessere Qualität von Einzelspielern durch Kampf negiert werden kann, erklärt dieses Wochenende nicht. Eine Geschichte braucht aber einen Titel. Oder auch zwei. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin.“ Zumindest 10 Wochen lang dürfen Amateure und Berufssportler weiter träumen.

                                                                             Henning Hildebrandt

 
Kontakt Impressum Nutzungsbedingungen