Autor: Daniel Wehner
28.09.06
Formcheck: Deutsche Profis in der Ferne
Es ist der 16. Spieltag der Saison 2001/2002, als der zweitplatzierte BVB den tabellenzwöflten HSV mit eins zu null schlägt. Ein eher unspektakuläres, zerfahrenes Spiel, das im Nachhinein eigentlich wenig Raum für Aufwärmwürdiges bot, wäre da nicht die Live-Berichterstattung von Boris Rupert, BVB-Netradio, gewesen.
Bis zu dem Moment, in dem Lars Ricken von halblinks über die Mittellinie kam und auf den offensiv agierenden Metzelder passte, schien alles in der Kommentatorenkabine seinen gewohnten Lauf zu nehmen: Boris Rupert und sein Co-Kommentator hauten kantige Sprüche, lauthalse Meinungsbeiträge und unverfälschte Emotionen raus.
Doch dann leitete Metzelder den Ball an Ewerthon weiter. Der Linienrichter hob die Fahne: Abseits!
Äußerst in Rage geraten beurteilte Rupert die Szene immer lauter werdend im Stile eines Kommentators südamerikanischen Temperaments: „Christoph Metzelder ist mitgelaufen, der steht jetzt 17 Meter vor dem Tor, spielt auf Ewerthon, und der steht nicht im Abseits. Du blinder Linienrichter, du Blindmann. Verdammt nochmal. Das geht doch auf keine grüne Kuhhaut mehr, was dieser Erpel, Greipel oder wie er auch immer heißen mag sich dahinten zusammenpfeift.“
Mit dieser eigenwilligen Ausführung schaffte er es im Dezember 2001 bis an die Spitze der Einslive-O-Ton-Charts. Den Dortmund-News sagte er später, dass „die Aussage eindeutig im Grenzbereich lag“. Aber genau das ist seine Aufgabe: Subjektive Schilderung von dem, was auf dem Platz ist. Mit betonter Ruhrpottmentalität bis in den Grenzbereich. Schließlich kommentiert der ausgebildete Radioredakteur abwechselnd mit der dortmunder Spielerlegende „Nobby“ (Norbert Dickel) oder Constantin Blaß nicht für „Liga live“, sondern das BVB-eigene Netradio.
Seit Ostersamstag 1999 spielen sich dich die drei Frei-nach-Schnauze-Kommentatoren auf Heim- und Auswärts-Pressetribünen verbal die Bälle zu – wobei zunächst nur Heimspiele übertragen wurden.
90.000 Zuhörer
Insgesamt kamen so rund 180 Live-Stream-Reportagen zusammen. Im Schnitt verfolgt von 65.000 Zuhörern. Den bisherigen Rekord markierte das 127. Revierderby (04.02.06) auf Schalke. Knapp über 90.000 Live-Stream-User registrierte die Datenerfassung damals.
In der aktuellen Saison wurde der Rekord noch nicht geknackt. Auch in dem wegweisenden Spiel beim VFB Stuttgart durchbrachen die Zuhörerzahlen nicht die 90.000-Marke. Boris Rupert schätzt: „Die Zahl dürfte sich auf rund 75.000 belaufen.“
Ausgerechnet bei den Schwaben sollte ein Fehlstart vermieden werden. Dort blieben die Schwarzgelben seit 2002 ohne Torerfolg – satte 639 Minuten in Folge.
Entsprechend skeptisch fielen auch die ersten Kommentare von Rupert und Dickel aus. So analysierte Dickel schon nach wenigen Minuten besorgt: „Das ist alles zu eng. Da müssen wir die Flügel besetzen. Da müssen wir nachrücken.“ Auf dem Platz folgte zunächst keine spielerische Kehrtwende, was Zeit für einige Exkurse ließ. Da wurde die Namenkunde bemüht, um Leonardo de Déus Santos in voller Gänze auszusprechen. Auch lasen sich verschiedenste Statistiken zu Spielen, Spielern und Trainern recht gut. Und schließlich folgte mit dem Verweis auf „Mister Nullnummer Veh“ noch ein Geheimtipp für Wettwillige.
Dann aber die 20. Minute: Frei flankte einen Freistoß in den VFB-Strafraum, die Ludowig Magnin ins eigene Tor köpfte. Dickel unterbrach den vorangegangenen Leerlauf, um mit energischer Stimme zum Torjubel anzusetzen. Nach einem kurzen, aber heftigen „Tor“ ergänzt er: „Danke Ludowig, wir lieben dich.“
„Egal, wie wir den nennen. Der spielt doch bei Stuttgart.“
Als das Spiel wieder angepfiffen wurde, geriet Alexander Farnerud in den Mittelpunkt der Radio-Rowdys – scheuen sie doch keine konfliktversprechenden Statements. Gewillt den Namen korrekt auszusprechen, versuchten sie sich an Varianten wie Alexandre, Fanerü oder auch Farnerúd. Letztlich kam Dickel zu der Erkenntnis: „Ist doch egal wie wir den Nennen. Der spielt doch bei Stuttgart.“
Zumindest einmal mussten sie sich noch mit seinem Namen beschäftigen. Denn Fanrerud gab die Vorlage zum eins zu eins durch Bundesliga-Neuling Tasci. Den ernüchterten Worten von Rupert folgte postwendend Freis Torschuss: pariert, an die Latte gelenkt, zu Kringe gefunden, „Tor“, „Tor“. Rupert konnte es kaum fassen, der BVB hatte im direkten Gegenzug die erneute Führung erzielt.
Doch schon wenige Minuten später sah er sich auf dem Boden der Tatsachen zurückgeholt, bemängelte Dortmunds „eklatante Defensivprobleme“ und einen „im eigenen Strafraum pennenden Wörns“. Dann der rettende Halbzeitpfiff, Verschnaufpause.
Als sich in Hälfte zwei das gleiche Bild wie gegen Ende von Hälfte eins zeigte, war es aus mit der Geduld. Rupert schwang die Keule: „Wie gesagt, wir sind hier beim 1.FC Fehlpassfestival“. Stuttgarts Großchancen durch Delpierre und Cacau erklärte er mit einer „unterirdischen Leistung von Schwarzgelb am heutigen Nachmittag“.
Zwar versuchte Dickel, sämtliche Zweifel an einem Punktverlust bei Seite zu wischen: „Boris, Du kannst dir schonmal ein Pilschen kalt stellen. Ich glaube nicht, dass hier noch was anbrennt.“
Aber Rupert sah weiterhin den „Tanz auf der Rasierklinge“. In seine gedämpfte Stimmung ob der Dortmunder Nachlässigkeiten, platzte die 88. Minute. Seine Intonation wurde kräftig und bestimmt: „Jetzt dringt Frei in den Strafraum ein. Er schießt. Durch die Beine. Tooor, Tooor.“
Und so war es doch noch ein versöhnlicher Nachmittag für die beiden Live-Stream-Protagonisten. Boris Rupert gab ab zu Norbert Dickel, und der verabschiedete sich mit den Worten: „Tschüss. Bis dann. Euer Nobby.“ Bis dann hieß in dem Fall: Bis zum Heimspiel gegen den HSV. Wieder eine Partie, die eigentlich wenig Raum für Aufwärmwürdiges bot.
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