Autor: Henning Hildebrandt


04.12.06
Gestatten Daum. Christoph Daum.
 

Oder Messias. Oder Heilsbringer. Oder personifizierte Erstklassigkeit. Wie auch immer Christoph Daum genannt wird, eines wird klar, der Erfolgstrainer wird in Köln von Verein, Fan und Lokalpresse mit den offensten Armen empfangen. Christoph Daum ist zurück bei seinem FC. Eine Herzenssache sei es gewesen. Eine Woche Verhandlungspoker zwischen Vereinsführung und Trainer waren notwendig, bis der Wunschkandidat von „Jein“ über „Nein“ zu einem entschlossenen „Ja“ zu bewegen war. Ob er im Krankenzimmer und daheim den Sprechgesang der Hamburger Gruppe „Fettes Brot“ gelauscht hat oder zu den Klängen von “Queen“ - „inside my heart is breaking“ - zu seiner Entscheidung bewogen wurde, ist spekulativ, das Ergebnis jedenfalls lautet: The show must go on..

Daum zurück in der Domstadt am Rhein

Dass Daum aus seiner Rückkehr eine Herzenssache gestaltet, ist natürlich Salbei auf die Herzen aller FC-Fans. Es ist ihm auch zu glauben, bedenke man, dass seine Trainerkarriere in Köln begann. Dass er sich allerdings auch aus finanziellen Gründen dem Verein verpflichtet hat, ist nicht von der Hand zu weisen. So wurden dem Trainer ein erstligareif dotierter Vertrag bis zum Jahr 2010 und die Zusage, mit viel Geld die Mannschaft umbauen zu dürfen, vorgelegt. Ein Kurswechsel der Vereinsführung um Manager Michael Meier und Präsident Wolfgang Overath spiegelt sich daran wieder. Die Ziele wurden demnach hoch gesteckt: Aufstieg und internationale Klasse. Zu recht. Denn einen Trainer mit seinem Format verpflichten zu können, erfordert auch Perspektive. Diese ist dem Club in der Vergangenheit mit Abstieg, mit Abgängen von Leistungsträgern wie Podolski und Streit und mit Sieglosigkeit in der zweiten deutschen Liga abhanden gekommen. Nun ist sie wieder da. Und sie trägt den Namen Christoph Daum. Der Erfolgsdruck wird gemessen am Medieninteresse – Presskonferenz im St. Elizabeth Krankenhaus und Dauer-Belagerungszustand vor dem Privathaus und der Fanhysterie mit knapp 10.000 Zuschauern zum ersten öffentlichen Training – immens hoch sein. Motivationskünstler Daum wird gefragt sein, will er all dies in Leistungssteigerung seines derzeitigen Spielermaterials umwandeln. Aber die Spieler haben es schon erkannt, das Feuer in seinen Augen. Voller Ehrfurcht berichten Spieler wie Thomas Broich und Salvatore Gambino von ihrem neuen Star-Trainer.

Die Karriere des Christoph Daum

Als Amateurtrainer begann Daum 1981 beim 1. FC Köln seine Karriere und wurde 1986 nach vorheriger Beförderung zum Co-Trainer gar Cheftrainer des Traditionsvereins, welcher zu diesem Zeitpunkt den Anschluss an die Tabellenspitze langfristig zu verlieren drohte. Unter Daum schaffte die Mannschaft den Anschluss und wurde in den Jahren 1989 und 1990 Deutscher Vizemeister. Doch das schlechte Verhältnis zum damaligen Präsident Artzinger-Bolten führte zur Kündigung und so verließ der Trainer den Rhein in Richtung Neckar. 1992 gewann Daum mit dem VfB Stuttgart seinen bis heute einzigen Deutschen Meistertitel, in einem der legendärsten Saisonfinals der Bundesliga durch ein Last-Minute-Tor von Guido Buchwald. Dem Karrierehöhepunkt folgte einer seiner schwersten Fehler als Trainer: Einwechslung eines damals unerlaubten vierten ausländischen Spielers in der ersten Runde des Europapokals 92/93. Das Spiel wurde als verloren gewertet und im Wiederholungsspiel schied der Verein gegen Leeds aus dem Wettbewerb aus. Das Aus für den amtierenden deutschen Meister. Und auch das Aus für Daum in Stuttgart. Im Ausland setzte der Erfolgstrainer seinen Weg fort. 1994 und 1995 Pokalsieg und Meistertitel mit Besiktas Istanbul. Die Türken feierten den Deutschen und trugen ihn auf Händen. Er mutierte zum Volkshelden in der Türkei. Kein ausländischer Trainer zuvor oder nach ihm erreichte einen vergleichbaren gesellschaftlichen Status. Über türkische Sportjournalisten meint Daum zurückblickend: „Im Vergleich zu den Artikeln, die sie hier schreiben, sind die Märchen aus Tausendundeiner Nacht empirische Untersuchungen.“ Bayer Leverkusen sicherte sich im Folgenden die Dienste des Übungsleiters und ersetzte den erfolglosen Trainer „Sir“ Erich Ribbeck. Er reformierte den Verein, auch und gerade weil er das komplette Gegenteil seines Vorgängers war. Er erklärte seinem Stürmer Ulf Kirsten die „Staubsaugermentalität“ und ließ seine Spieler über heiße Kohlen laufen. Motivationskünste à la Daum. Der Erfolg gab ihm Recht. Dreimal Vizemeister binnen drei Jahren. Der ganz große Triumph blieb aus. Ein Scheitern an Aufsteiger Unterhaching verdarb den Leverkusenern die sicher geglaubte Meisterfeier im Jahr 2000. Der Mann im blauen Anzug, zu dem Daum dank seines farblich markanten Dienstanzugs avancierte, stand versteinert im Kabinengang und sah seinen ebenso leidenden väterlichen Freund Manager Reiner Calmund mit den Tränen kämpfen.

„Ich tue dies, weil ich ein absolut reines…“

Der Rest ist bekannt. Sein Gewissen trog ihn im Oktober. Der habe doch immer schon so einen wirren Blick gehabt, wurde nachträglich behauptet. „Wenn er krank is’, dann helf’ ich ihm.“, sagte Calmund. Tags zuvor ist die sogenannte Daum-Affäre ans Tageslicht gekommen. Der designierte deutsche Nationaltrainer Daum, er sollte einmal mehr das Erbe des „Trainers“ Ribbeck und seiner Vasallen Stielike und Hrubesch antreten, hatte tatsächlich Kokain konsumiert. Den Beweis lieferte Daum selbst durch eine Haaranalyse. „Ein eschter Koilenschlag“ (Calmund). Aber nicht nur für ihn, sondern auch für alle Fans der Nationalmannschaft, denn der Ribbeck-Stachel saß tief. Ein Neuanfang wurde fest mit dem Namen Daum verbunden. Entschuldigend und später auch schmunzelnd verließ er die Bundesliga. Die Prophezeiung wurde laut, er werde nie wieder in Deutschland trainieren (können). Nach einer halbjährigen Auszeit ging er zurück dorthin, wo sein Ruf noch unbescholten war. Doch nach nur einem Jahr in der Türkei zog es ihn weiter und so übernahm er erfolgreich für eine Saison die Mannschaft Austria Wiens und fand zurück in die Erfolgsspur. Österreichischer Meister und Pokalsieger 2003 schmückten nun Daums Antlitz. Aber seine zweite Heimat lockte erneut. Beim Stadtrivalen Fenerbahce Istanbul bestätigte er seine Ausnahmeklasse und hinterließ nach drei Jahren und eigenem Rücktritt zwei Meister- und einen Vizemeistertitel 2006.

Gern gesehener Gast

In Deutschland blieb er trotz aller – teils gespielter – Moral ein gern gesehener Gast. Als Experte fungierte Daum als medienwirksamer Analytiker für RTL während der Champions League und der Europameisterschaft 2004. Nationaltrainer wurde er trotz Anfrage nicht. Es wurde bekanntlich Jürgen Klinsmann, dem er trotz aller öffentlichen Kritik in der WM-Vorbereitungszeit stets eine sehr gute Arbeit attestierte und Erfolg versprach. Sein Gespür für die Bedeutung von Faktoren wie Euphorie und Motivation sollte sich nachträglich als richtig erweisen. Gepaart mit Erfahrung, Erfolgen und unbestrittener fachlicher Kompetenz ließ ihn diese Eigenschaft über Jahre nun – wieder - zu einem der begehrtesten deutschen Vereinstrainer werden. Statt zu einem Verein internationaler Größe führte sein Weg in die zweite Liga. Die benutzte Popularität, die Daum besitzt, führt bisweilen dazu, dass seine öffentlichen Auftritte bei seinen Kritikern, die ihm (Größen-)Wahnsinn attestieren, Kopfschütteln hervorrufen – sie dürften sich nach den Wochen von Köln bestätigt fühlen. Bei seinen Fans – und das scheinen in diesen Tagen sämtliche Kölner zu sein – ist er der Messias in Trainergestalt. Der Heilsbringer. Der Erfolgsgarant. Die Zukunft wird zeigen, wer von beiden Lagern Recht behalten wird. Oder mit den Worten Mercurys: On - with the show.