04.12.06
Borussia Dortmund: Von Visionären und Versäumnissen
 
Autor: Daniel Wehner

Vom Klassen-Krösus vorbei am Beinahe-Bankrott hin zur Niemandsland-Nummer. Seit den neunziger Jahren erlebte Borussia Dortmund wie kaum ein zweiter Bundesliga-Klub, dass zwischen Erfolg und Misserfolg, Tabellenspitze und Tabellenkeller, finanziellen Höhenflügen und schmerzlichen Schuldenbergen nicht immer gleich Welten liegen – nicht einmal Jahrzehnte.
Mit dem Kantersieg (8:0) im dritten Relegationsspiel gegen Fortuna Köln (Hinspiel: 0:2/Rückspiel: 3:1) sprang der BVB dem Abstieg Mitte der Achtziger knapp von der Schippe. Es sollte der BVB-historische Fixpunkt werden, von dem aus ein beispielloser Siegeszug durch die Neunziger seinen Anfang nahm. Von hier an entwickelte sich die Borussia aus Dortmund zu einem Team der Superlative: 1990/1991 tätigte Dortmund den bis dahin teuersten Transfer der Bundesligageschichte, der spätere Publikumsliebling Flemming Povlsen wechselte für 4,1 Millionen DM vom PSV Eindhoven in den Ruhrpott. 1991/1992 stellten die Dortmunder Fans einen neuen Zuschauerrekord auf, da im Schnitt 44.500 von ihnen zu den Heimspielen der Borussia gefunden hatten. 1997 kam die die Mannschaft zu ihrem größten Erfolg: Als erstes Bundesliga-Team holte der BVB 09 mit dem legendären 3:1 über Juventus Turin die Champions-League-Trophäe – dabei hatte die Partie im Vorfeld wie ein Kampf von Klein-David gegen den großen Bruder Goliaths angemutet. Doch was die Chefetage Meier/Niebaum nicht bemerkte – oder nicht bemerken wollte: Der schleichende Untergang der Fußball-Großmacht aus Dortmund hatte bereits eingesetzt. Zwar schaffte Schwarzgelb noch im Dezember 97 ein 2:0 über Cruzeiro Belo Horizonte – und damit den Weltpokalsieg. Doch versäumte die Vereinsführung nach der Saison die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Der skurrilste Umbruch der Vereinsgeschichte

Auf die größten Erfolge der Vereinsgeschichte folgte der skurrilste Umbruch in der BVB-Historie. Ottmar Hitzfeld wurde von der Trainerbank gegangen. Kompromiss ob seiner Verdienste: der Sportdirektorposten, zumindest für sechs Monate, denn die Trainerbank des FC Bayern München frohlockte. Zudem gab die Borussia Spielerschwergewichte wie Riedle, Lambert und Sousa ab; dafür kaufte das Präsidium Wald-und-Wiesen-Kicker wie Booth, Baumann oder Binz. Und auf Torejagd sollte künftig Harry Decheiver gehen, der „Knipser“ aus Freiburger Zeiten. Als dann noch Nevio Scala die Nachfolge Ottmar Hitzfelds antrat, standen die Borussen wieder einmal kurz vor dem nächsten Superlativ. Allerdings war haarsträubende Transferpolitik in keiner saisonalen Statistik aufgeführt, womit sich der BVB keine Hoffnung mehr auf diesen Rekord machen konnte. Am Ende stand Ligaplatz 10. Und sämtliche Neuzugänge dieser Saison mussten den Verein nach durchwachsenden Leistungen alsbald wieder verlassen. Dienstältester wurde Karsten Baumann, den es immerhin bis zur Spielzeit 00/01 in den Reihen der Borussia hielt.
Noch ein letzter Transfercoup gelang dem ambitionierten Revier-Klub 1998: Der drei Jahre zuvor in den Ruhrpott gelotste Jörg Heinrich (damalige Transfersumme: knapp 2,5 Millionen DM) ging für die zehnfache Summe (25 Millionen DM) zum AC nach Florenz.

Dortmunder Transferdebakel

Spätestens von hier an schien es vorbei mit der kaufmännischen Vernunft des BVB. Zuvor hatte man Spieler wie Patrik Berger, Jörg Heinrich oder Paulo Sousa für vergleichsweise kleines Geld gekauft, um sie meistbietend für ein Vielfaches zu verkaufen – die bewährte Werder-Taktik. Doch fortan schienen millionenschwere Fehleinkäufe an der Tagesordnung. Um nur einige zu nennen: Ikpeba (6 Millionen Euro), Evanilson (6 Millionen Euro) und Oliseh (7,5 Millionen Euro). Den Gipfel der finanziellen Fahrlässigkeit erreichte das Präsidium allerdings erst 2001, als Egozentrik-Amoroso für die damalige Rekordsumme von 25 Millionen Euro kam. Die tatsächliche Transfersumme von knapp 40 Millionen Euro wurde dabei durch ein Tauschgeschäft mit Evanilson verschleiert. Diesen hatte der BVB im Tausch gegen Amoroso an den AC Parma verkauft (Ablöse: 17 Millionen Euro), aber im direkten Gegenzug wieder ausgeliehen. Nach der Tilgung der Leihgebühren kaufte Dortmund Evanilson dann 2003 für 15 Millionen Euro zurück, ohne dass er jemals bei Parma spielte. Zwei Jahre später verließ der formschwache und ausgebrannt wirkende Brasilianer den Verein ablösefrei in Richtung Atletico Mineiro. Bereits ein Jahr zuvor musste der 29-jährige Amoroso nach immer wiederkehrenden Querelen mit der Vereinsführung seinen Hut in die Vereinslosigkeit nehmen. Was blieb, war das wohl teuerste Missverständnis der Bundesliga-Geschichte.

Ausgeträumt und abgedankt

Und die wirtschaftliche Bankrotterklärung mit Spielerverpfändung, Stadionverkauf und anschließender Beinahe-Insolvenz sollte noch folgen. Denn neben den wirtschaftlichen Verfehlungen sah die sportliche Realität der Borussen, mit Ausnahme von 2002 (Meisterschaft/Uefa-Cup-Finale), nur noch in den Köpfen Meiers und Niebaums perspektiv- und erfolgreich aus. Die einstigen Gipfelstürmer hatten sich verzettelt. Weder Finanzkraft noch sportliche Leistung stimmten mit den nahezu verbindlichen Vorgaben überein. Nicht einmal die Millionenschwemme durch den Börsengang 2000 konnte das Ruder noch herumreißen. Denn die Gehaltslisten überbezahlter Profis hatten die Wolken unter den Füßen der Chefetage längst pulverisiert. Die logische Konsequenz bedeutete das Aus für das Gespann Niebaum/Meier. Eine ihrer letzten Amtshandlungen war die Mitgliederversammlung am 14. November 2004. Unter Tränen offenbarten sie, den Schuldenberg auf 98 Millionen Euro angehäuft zu haben – wieder einmal rekordverdächtig. Der schallenden Ohrfeige der Mitglieder, durch ein gellendes Pfeifkonzert zum Ausdruck gebracht, folgte der Rücktritt von Niebaum und der spätere Abgang von Meier; ihre prä-saisonalen Erfolge waren vergessen, ihre einstigen Visionen verflogen, ihr scheinbar unbegrenzter Kredit verbraucht.

Führende Vernunft?

Aktuell versuchen Watzke und Rauball die Marke Borussia Dortmund wieder auf Kurs zu bringen. Und die Richtung scheint zu stimmen. Denn „die Zeit des Geld-Verbrennens ist vorbei. Ab jetzt schreibt Borussia Dortmund wieder schwarze Zahlen“, wie Watzke auf der November-Mitgliederversammlung verkündete. Dabei sorgen nicht nur neue Sponsoring-Verträge für ungeahnte Einkünfte. Denn auch potentielle Fehleinkäufe kosten nicht mehr 7 bis 40 Millionen Euro, sondern kommen für weniger als 5 Millionen (Valdez) oder sind gar ablösefrei (Pienaar) gewechselt. In liquideren Zeiten wird sich zeigen, ob Dortmunds Bemühungen um eine wettbewerbsfähige Transferpolitik eher für Namen wie Smolarek und Lambert oder Amoroso und Oliseh stehen.

Sämtliche Transferaktivitäten der letzten Jahre unter:

Transfermarkt.de

 
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