Autor: Henning Hildebrandt

03.11.06
Porträt: Ali “The Hammer”
 
„Jorg Albertz has become known throughout the last four years as the most Scottish of Germans“ schrieb die schottische Zeitung Daily Records aus Glasgow in ihrer Ausgabe am 17. Juni 2000. Jörg Albertz absolvierte zu diesem Zeitpunkt seine fünfte Saison in Schottland. „KING ALBERTZ“ lautete die Überschrift der nordirischen Zeitung „The News Letter“ im Jahr 1999. Hintergrund: Tags zuvor sicherte Jörg Albertz in der CL-Saison 99/00 in Diensten der Rangers mit seinem Treffer zum 1:0 über den PSV Eindhoven drei Punkte für den schottischen Traditionsverein. „It was one of the best moments of my career“ lautete die Einschätzung von Albertz damals.

Jörg Albertz, Spitzname: Ali „The Hammer“, geboren am 29.01.1971

Seit der Saison 2005/06 spielt Ali Albertz wieder bei Fortuna Düsseldorf. Einer der bekanntesten Söhne der Fortuna ist wieder dorthin zurückgekehrt, wo seine fußballerische Karriere 1990 begann. Back to the roots. Ali zuhause in Düsseldorf. In der momentan laufenden Saison will der heute 35-jährige Rechtsfuß seine Fortuna zum Aufstieg schießen, seinen Beitrag zur lang ersehnten Rückkehr des Traditionsvereins ins Profigeschäft leisten. Und tatsächlich: Fortuna Düsseldorf stand nach zwei Siegen in Folge seit langer Zeit wieder auf einem Aufstiegsplatz. Der Einschätzung der meisten Fußball-Experten zufolge gehört sie dort auch hin. Nach einem 1:1 am Samstag in Wilhelmshaven liegt der Verein auf Platz 4, ein Punkt hinter Rang 1. Aufstiegsfavorit Fortuna Düsseldorf. Und wesentlichen Anteil daran hat Albertz, der zunächst noch wegen seiner Kritik am Trainer vorübergehend suspendiert wurde, in der Folgezeit jedoch wieder durch Leistung zu überzeugen wusste: Zwei Tore gegen Hertha BSC Berlin Amateure, ein Tor am vergangenen Wochenende und dazwischen eine herausragende Leistung gegen Union Berlin. Die Mannschaft von Uwe Weidemann profitiert von der Erfahrung des Fußball-Weltenbummlers Albertz, der bereits kurz nach seiner Rückkehr an den Rhein im Jahr 2005 die Chefrolle auf dem Platz eingenommen hatte. Zwölf Jahre nach seinem Abschied aus Düsseldorf.
Seine gewaltige Schusskraft verschaffte „Ali“, wie er von Fans und Mannschaftskollegen seit jeher gerufen wird, nicht nur den Spitznamen „Der Hammer“, sondern auch eine steile Karriere. Bis hin ins Nationalmannschaftstrikot schoss sich der Rotschopf, dessen Schusskraft im Prä-„Teamgeist“-Hochgeschwindigkeitsball-Zeitalter bei 128 km/h gemessen wurde. Drei Einsätze zwischen 1996 und 1998. Der Durchbruch gelang ihm dort jedoch nicht. Trainer Berti Vogts vertraute sowohl bei der EM als auch bei der WM anderen Mittelfeldkräften. Zumindest 1996 konnte man dem DFB-Trainer daraus keinen Vorwurf machen. Dass er erstmals zu Deutschlands Fußball-Elite gerufen wurde, verdankte Albertz seinen starken Leistungen beim Hamburger SV, wohin er nach seinem Weggang aus Düsseldorf und deren Abstieg ins Amateurlager 1993 wechselte. Mit dem neuen Verein erreichte er 1996 Platz 5 und die UEFA-Cup-Qualifikation. Seine Fähigkeiten sprachen sich auch auf der britischen Insel herum und so verließ er als Publikumsliebling die Hansestadt in Richtung Schottland. Dort begann seine sportlich erfolgreichste Zeit: drei Meistertitel mit Glasgow Rangers und weitere sechs nationale Pokalsiege. Nicht nur die schottischen Zuschauer erfreuten sich am Deutschen, sondern auch die Journalisten bewunderten seine außerordentliche Schusstechnik. So schrieb The Daily Record nach einem seiner ersten Tore: „(…)the biggest blockbuster of a shot most of the Ibrox crowd had ever witnessed.“
Den Erfolgen bei den Rangers und einem dritten Einsatz für den DFB folgte ein Machtkampf mit Trainer Dick Advocaat, den Albertz jedoch verlor. Man benötigte einen anderen Spielertypen, hieß es, obwohl die Referenzen für den schottischsten Deutschen sprachen: 60 Tore in fünf Spielzeiten und zudem starke Leistungen in der CL, unter anderem gegen den FC Bayern München. Der Wunsch, bis zum Karriere-Ende in Glasgow zu bleiben, blieb ungehört. Good Bye, Scotland. So wurde der HSV im Jahr 2001 sein neuer alter Verein. Aber manchmal sind alte Liebesbeziehungen auch vergangene. Die Rückkehr war ein Fehler, bilanzierte Albertz hinterher selbstkritisch. Denn „Der Hammer“ konnte zu keinem Zeitpunkt an seine früheren Leistungen anknüpfen, wurde bald zum Reservisten und wechselte während der Saison 02/03 gegen eine hohe Abfindung nach China zum Club Shanghai Shenhua, allerdings um dort nach weniger als einem Jahr erneut die Koffer zu packen. Die sportliche Herausforderung suchend und den Karriereknick stoppen wollend unterschrieb er ein Engagement bei der Spielvereinigung Greuther Fürth. Verletzungspech und lediglich sporadische Einsätze in der 2. Bundesliga entfachten bald beidseitige Unzufriedenheit, so dass Ali Albertz nach nur einem halben Jahr erneut die Vereinsfarben wechselte. Aus Grün-Weiß wurde wieder Rot-weiß. Und schnell berichtete die regionale Presse, dass der Chef zurück ist. Die Verantwortlichen in Düsseldorf freuten sich über ihren Coup des Jahres. Ein miserabler Saisonstart jedoch erstickte jede Aufstiegshoffnung der Fortuna in jener Spielzeit, der Durchmarsch von der Oberliga in die zweithöchste deutsche Spielklasse wurde frühzeitig gestoppt. Diese Saison soll nun endgültig das letzte Düsseldorfer Provinzjahr sein, lautet die einhellige Zielsetzung. Und bislang stehen Anspruch und Realität im Einklang Albertz‘ ehemaliger Wunsch ist wohl einem neuen gewichen: Aufstieg. Mit seiner Fortuna.