06.02.07
Erst den linken Schuh, dann den rechten
 
Autor: Henning Hildebrandt

„Die letzten Minuten sind die schlimmsten. Die Nervosität kennt keine Grenzen. Da gibt’s Spieler, die sind abergläubisch. Die ziehen erst ihren linken Strumpf an, dann den rechten Strumpf. Da gibt’s andere, die sitzen immer in der dritten Reihe im Bus. Das treibt die dollsten Blüten“, sprach Karl-Heinz Rummenigge aus langjähriger Erfahrung zu Gerd Rubenbauer als Co-Kommentator vor dem WM-Finale 1990 in Rom und beschrieb damit die Situationen eines Spielers kurz vor dem Spiel.

Glaube, Aberglaube, Rituale

Dass Fußballer dem Aberglauben verfallen sind und sportliche Erfolge von ganz persönlichen Marotten abhängig machen, bestätigte auch unlängst Miroslav Klose in Sönke Worthmanns Sommermärchen. Er versuche immer, mit dem rechten Fuß zuerst den Rasen zu betreten, damit es in den folgenden 90 Minuten auch zum Salto kommen kann.

Der Taktikfuchs Udo Lattek vermochte es im Herbst seiner Karriere als Manager noch einmal, einem blauen Strickpulli nationale Berühmtheit zu verschaffen. Nach einem 1:1 seines FCs aus Köln sagte er den Reportern, dass dieses Kleidungsstück ab sofort der Glücksbringer sei und behielt 14 Spieltage Recht, bis Köln das erste Mal seitdem Spiel in Karlsruhe gegen Bremen verlor.
Gary Lineker verzichtete beim Warmmachen stets darauf, zu einem Torschuss anzusetzen, denn den Torerfolg wollte er sich für das Spiel aufbewahren. 48 Tore in 80 Länderspielen gaben seinem Ritual Daseinsberechtigung. Sollte es wider Erwarten bis zur Halbzeit nicht zum persönlichen Erfolgserlebnis gereicht haben, so wechselte er das Unglückstrikot in der Halbzeit gegen ein neues aus.
Ganz anders versuchte der ehemalige argentinische Torwart Sergio Goycoechea das Glück auf seine Seite zu locken. Vor jedem Elfmeter urinierte er prompt auf den Rasen. Als Elfer-Killer wurde er denn auch später berühmt. Ob er im Finale ’90 spontan nach einem Foul an Augenthaler das Bein gehoben hatte, bevor der Schiedsrichter unerwartet doch nicht auf Strafstoß entschied, könnte erklären, weshalb es Minuten später bei dem siegbringenden Elfmeter durch Andy Brehme bei ihm überhaupt nicht lief.

Die Brasilianer glauben dann doch lieber richtig. Transzendenz soll ihnen die Kraft bringen. Die Hände nach oben und kollektives Beten vor und nach dem Spiel. Dazu den Edding zur Hand. „Jesus liebt dich“ oder „Jesus gibt mir Kraft“ zieren die T-Shirts unter den Trikots einzelner Bundesliga-Brasilianer gerne. Und Tore werden gerne Gott gewidmet. Jorghinho überreichte gar seinem Gegner vor dem Spiel nicht nur den Leverkusener Wimpel, sondern gleich auch eine Bibel mit in die Hand. Denn Gott war sein Spielgestalter. Amen.
Noch mehr Glaube bei Giovanni Trapattoni, der bei der WM 2002 vor den Spielen der Squaddra Azurra eigens von seiner Schwester, einer Nonne, also noch mehr Schwester, geweihtes Wasser auf den Rasen tröpfelte.

So viel Glaube muss es für andere gar nicht sein, sie bleiben dann doch lieber dem Aberglauben zugewandt. Der Brasilianer Socrates musste nach dem Aufwärmen als Letzter den Platz verlassen und John Terry bleibt dabei, die Stutzen stets dreimal zu verkleben. Jörg Berger, einst Trainer in Frankfurt zog es vor, die Trainerbank der Gastmannschaft zu beschlagnahmen, denn auf dieser gewann er zuvor schon oftmals im Waldstadion und in Berlin sollte der Umzug in die Gästekabine für die Heimmannschaft den Berliner Heimkomplex bezwingen.

Andere verzichten gänzlich auf solche Eigenarten, denn wenn man’s vergisst, läuft’ s gar nicht. Was man als passionierter Raucher sicher nicht vergisst, ist wohl das Rauchen und so hatte der Däne Elkjaer-Larsens sein Ritual, in der Halbzeitpause nach der Zigarette zu greifen. Und so rauchte der Däne wie ein Schlot und wollte sich diese Leidenschaft auch nicht im Spiel nehmen lassen. Wohl kein Beispiel für den heutigen Profi-Fußball, ist doch dem Trainer Werner Lorant zu 60er Tagen gar das Rauchen am Spielfeldrand verboten worden. Vielleicht hatte er ja deswegen irgendwann einfach kein Glück mehr in München, dankte ab und raucht mittlerweile nur noch am Rande türkischer Fußballplätze. Rituale und Eigenarten. Wer dran glaubt, wird selig. Oder zumindest siegessicher(er).

 
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