07.03.07
Der Papst spielt Ball
 
Autor: Henning Hildebrandt

“Deine Schwester ist eine Nutte!” Und dann gibt’s den Kopf an die Brust gerammt. So kennt man den Fußball. Und dieser ist doch eigentlich überall gleich, dafür sorgt die FIFA als Dachverband. Überall? Nein, nicht ganz! Ballspielen im Vatikan sieht anders aus. Konsequenz der Beleidigung für Marco Materazzi wäre die Blaue Karte, somit eine fünfminütige Auszeit mit anschließender Spielberechtigung. Zidane würde möglicherweise statt mit Rot mit Dunkelblau davonkommen und seine Karriere fände ihren verdienten Ausklang auf dem Platz nach kurzer Abkühlung und Versöhnung mit dem Provokateur am Spielfeldrand. Schönes Bild.

Gott lässt das runde Leder rollen und zu den Füße des Petersdoms sammeln sich Priester, Ordensbrüder und alle anderen, die sich des katholisch-christlichen Gottesdienstes verschworen haben. Am letzten Februar-Wochenende startete die erste vatikanische Fußballliga mit dem Eröffnungsspiel zwischen den brasilianischen Seminaristen der Universität Gregoriana gegen die Ordensschüler des Mater Ecclesiae. Das Spiel endete 0:6 und wer glaubt, dass die Brüder im Geiste niemandem weh tun und nicht richtig ordentlich in die Beine treten können, der wurde schnell eines Besseren belehrt, denn das erste Tor resultierte aus einem Elfmeter, dem ein rüdes Foul im Strafraum vorausging. Respekt. Und Blau vom Gottes gesandten Unparteiischen. Auf ein “Schieber” oder “Schiri, du Arschloch“ wartete man jedoch vergebens. Möglicherweise war die Situation auch einfach zu eindeutig.

Das mediale Interesse an diesem Wochenende im Vatikan war wegen des Klerus-Cups, ein Pokal in Ballform, groß wie die Bibel mit Füßen und Heiligenschein oben herum, enorm, obwohl der Fußball im Gotteshaus keineswegs ein neuer Gast ist. Bereits 1972 wurde die Gottes-Liga gegründet und es spielte das Personal des Vatikans untereinander. Leider gelang es den Mannschaften wie Radio Vatikan oder den Vatikanischen Museen selten elf Spieler zum Treffpunkt zu bringen, so dass 1993 auf ein Kleinfeld umgestiegen wurde und der Sieger der im Fünf-gegen-Fünf ermittelt wurde.
Die meisten Spieler besaßen die italienische Staatsbürgerschaft, die wenigsten die vatikanische, so dass es kaum gelang eine eigene Nationalmannschaft zu formen. Die einzigen, die in Frage kamen, waren die Schweizer Gardisten, die persönliche Leibwache des Papstes. Dass dieser ungern auf sein Personal verzichtet, ließ bislang eine Teilnahme des Vatikans an der Weltmeisterschaft der Nicht-FIFA-Länder scheitern, obwohl einzelne Achtungserfolge bereits erzielt wurden. Im ersten Länderspiel gegen den Kleinstaat San Marino 1994 gelang ein 0:0 und mit dem Gott im Bunde gar ein 4:1 gegen den damaligen Noch-Nicht-Weltmeister Italien. Theoretisch könnte eine Vatikan-Elf an der EM-Qualifikation 2012 teilnehmen, so ein Sprecher der UEFA, lediglich am spielberechtigten Material mangelt es mangels ausreichend durchtrainierter Bischöfe, und dass trotz eines deutschen Kardinals Lehmann, der wohl eingebürgert und ins Tor gestellt werden könnte und einem Rechtsaußen Ratze, der für Kalzsche Bananenflanken sichtlich prädestiniert wäre.

Bleibt der Wunsch nach einer steten Nationalmannschaft des 900-vatikanische-Seelen-Dorfs wohl Utopie, wurde die eigene Liga erfolgreich erweitert. 16 Mannschaften spielen nahe des Petersdoms außerhalb des Kirchenstaats - das Land ist zu klein für ein eigenes Stadion - bis Juni in zwei Runden um den Wanderpokal. Und etwa der Kurienklerus oder die Schweizer Garde wollen ganz oben mitmischen. Das Spielerensemble ist hochgradig international besetzt. Fußballer aus über fünfzig Ländern nehmen Teil. Zu den Favoriten zählen die Museumswärter der Sixtinischen Kapelle oder die Steinmetze der „Fabbrica di San Pietro". Und obwohl die Jünger in völliger Enthaltsamkeit leben müssten, reicht die Luft nur für zweimal 30 Minuten. Und was werbeträchtige Nationalverbände schon unlängst erfolglos versucht haben, die Einführung einer Auszeit pro Halbzeit, um Werbeblöcke geschickt positionieren zu können, gehört in der vatikanischen Liga bereits zum Regelwerk.

Ligadirektor Tarcisio Bertone, 72-jähriger Kardinalstaatssekretär, der in Benedikt XVI „den Beckenbauer des Kirchenstaats“ sieht, ist selbst bekennender Juve-Fan. Ausgerechnet Juventus Turin. Dass er selbst Kommentator des Radio Vatikan ist, lässt diese Mannschaft schnell zum Titelfavoriten werden und bedenkt man, dass nichts erlaubt ist, was Spieler wie Axel Kruse und Uli Stein einst am Fußball so mochten, Kritik am Schiri, so ist der Weg zur Manipulation nicht mehr weit. Mal abwarten, wie lange es dauert bis Berliner Fußball-Wettbüros den Klerus Pokal für sich entdecken.
Und würden die Funktionäre die Völkerverständlichkeit des Fußballs nutzen, dürfe man sich auf Spiele gegen Vertreter der Islamistischen Liga freuen. Blutgrätsche statt Karikaturenstreit in Zeiten des Glaubenskrieges. Ein gerechtes Unentschieden und die Welt wäre in Ordnung. Doch momentan dient der Ballsport lediglich der Körperertüchtigung und der Theologe Giovanni Semeria († 1931), Anführer des italienischen Modernismus, fasste den Sinn des Gottes-Fußballs einst so zusammen: „Die Unterwerfung unter eine Autorität ist die erste Lektion, die man beim Fußballspiel lernt.“ Unterwerfung als christlicher Antrieb also. Kreuzzüge waren gestern, heute ist der Fußball en vogue in der Kirche. Spannend wären sicherlich auch Freundschaftsspiele gegen andere Vereinsmannschaften. Ob die Südkurve in Dortmund sich jedoch ein „Vatikan - Hurensöhne“ verkneifen könnte, ist zweifelhaft und Blaue Karten und fünf Minuten Schweigepflicht für die Fans sind wohl schwierig durchsetzbar. Spielabbrüche wegen Fanverhalten gibt es auch so schon genug in den weltlichen Ligen. So bleibt es wohl bei einer innerkatholischen Veranstaltung mit einem Finale in Rom. Vielleicht ist das Stadion dann seit dem WM-Finale´90 auch mal wieder ausverkauft und Uns-Ratze als der besserer Sepp Blatter an der Medaillen-Ausgabe zu sehen. Steht auf, wenn ihr Katholiken seid!



 
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