18.12.07
Essen ist nicht Hollywood
 
Autor: Tim Sohr

„Ich würde ihm zwei ausgewählte Plätze zeigen, die wirklich schön sind. Hier einmal Primrose Hill, ein kleiner Park, die Kinder spielen da immer Fußball, man kann über ganz London schauen. Den anderen Platz behalte ich mal für mich.“
(Jens Lehmann im Februar 2006 auf die Frage, was er Oliver Kahn in London zeigen würde, wenn dieser ihn nach der WM anriefe, um Lehmann mal in England zu besuchen)

Es war das vorletzte April-Wochenende des Jahres 2004, der 35. Spieltag der englischen Premier-League-Saison, als Jens Lehmanns perfektes erstes Arsenal-Jahr gekrönt wurde: Mit einem 1:1 beim Erzrivalen Tottenham Hotspur sicherten sich die „Gunners“ ihren insgesamt 13. Meistertitel. Auch in seinem 35. Ligaspiel seit seiner Ankunft in London blieb der deutsche Ausnahmekeeper damit ohne Niederlage, aber trotzdem war er angefressen. In der 90. Minute hatte er Robbie Keane bei einer Ecke weggestoßen, den fälligen Elfmeter verwandelte der Gefoulte selbst, kein Sieg also, nur Remis. Grund genug für Lehmann, trotz des unglaublichen Gesamterfolgs, nach dem Abpfiff nicht mit seinen Teamkollegen auf dem Rasen zu feiern, sondern in den Katakomben der White Hart Lane zu verschwinden.
Es sind eigensinnige Aktionen wie diese, die als roter Faden die Karriere des gebürtigen Esseners durchziehen wie einen launischen Hollywood-Streifen, und die ihn den Querdenkern sympathisch, vielen Traditionalisten suspekt erscheinen lassen. Aber egal, wo Lehmann im Laufe seiner knapp 20jährigen Profilaufbahn auftauchte: Langweilig wurde es nie.
Nach seiner Fußball-Jugend bei seinem Stadtteil-Verein DJK Heisingen sowie bei Schwarz-Weiß Essen (in beiden Teams wechselte Lehmann ständig zwischen Tor und Sturm, bis er sich selbst festlegte) unterschrieb Lehmann mit 17 Jahren seinen ersten Profivertrag bei Schalke 04, denn Essen ist schließlich nicht Hollywood. In Gelsenkirchen rettete er die Knappen zunächst trotz zeitweiliger Leistungsschwankungen und Doppelbelastung durch das nebenbei zu absolvierende Abitur vor dem Sturz in den Amateurbereich, bevor er in seinem dritten Jahr den Aufstieg in die Bundesliga feiern konnte. In einer bis dahin rasant nach oben verlaufenden Erfolgskurve musste Lehmann am 8. Spieltag der Saison 1992/93 den ersten Karriererückschlag hinnehmen, als er sich einen Innenband-, Kreuzband- und Meniskusriss samt Kapselsprengung zuzog und er zwischenzeitlich gar um den Fortbestand seiner Karriere bangen musste. Erst am 6. Spieltag der nächsten Saison kehrte er zurück. Seine Form allerdings noch nicht. Am 12. Spieltag in Leverkusen kassierte Lehmann drei Gegentore in 27 Minuten und die Schalker Fans forderten vehement seine Auswechslung, woraufhin Trainer Jörg Berger ihn zur Pause durch Holger Gehrke ersetzte und ein kochender Lehmann noch vor Ende der Partie kurzerhand mit der S-Bahn nach Hause fuhr.
Schnell eroberte der beizeiten von Ehrgeiz Zerfressene seinen Stammplatz zurück und führte Schalke innerhalb der nächsten Jahre beständig in höhere Gefilde. Eine Entwicklung, die ihren Zenit im Gewinn des UEFA-Pokals 1997 erreichte, als Lehmann im Rückspiel des Finals bei Inter den ersten Mailänder Elfmeter des Elfmeterschießens hielt. Nach diesem kaum zu übertreffenden Erfolg hängte der Torwart noch eine weitere Saison auf Schalke dran und schrieb am 20. Spieltag der Saison 1997/98 ein weiteres Kapitel Bundesligageschichte, als er im Derby in Dortmund in der letzten Minute den 2:2-Ausgleich köpfte und damit als erster Torwart der Ligageschichte ein Feldtor erzielen konnte.
Die Zeit für neue Herausforderungen war allerdings bereits gekommen, nicht zuletzt, weil Lehmann am 18. Februar 1998 in Maskat gegen den Oman (2:0) auch endlich sein Länderspieldebüt im DFB-Dress geben durfte. Filmreif ging es dann auch weiter. Im Juli 1998 unterschrieb er einen Dreijahresvertrag beim AC Mailand, doch schon früh in seiner ersten Saison bei den Rossoneri katapultierten ihn verheerende Kritiken auf die Ersatzbank und Reservemann Sebastiano Rossi übernahm. Bei einer erneuten Bewährungschance im Oktober 1998 kassierte Lehmann zunächst einen Treffer und verursachte kurz darauf einen Elfmeter, was ihm eine Auswechslung nach nur 27 Minuten einbrachte. Der nominelle Ersatzmann Rossi hielt daraufhin den von Lehmann verursachten Strafstoss und die Tage des Deutschen in Mailand waren gezählt, noch bevor sie richtig angefangen hatte. Im Winter flüchtete Lehmann nach Dortmund, offiziell kann er sich trotzdem Italienischer Meister nennen, da der AC mit Torschützenkönig Bierhoff später den Titel holte.
In Dortmund blieb Lehmann nie unumstritten. Die Fans betrachteten den ehemaligen Schalker auch dann noch mit Argwohn, wenn er drei Elfmeter hintereinander hielt, wie in der dritten UEFA-Pokal-Runde 1999/2000 im Elfmeterschießen gegen die Glasgow Rangers. Zu oft stand Lehmann inzwischen seine Verbissenheit im Weg, sein öffentlicher Anspruch, Oliver Kahn im Duell um das Nationalmannschaftstor herauszufordern, war ihm seinerzeit eher Bürde und Belastung. Immer öfter fiel Lehmann nun durch Unbeherrschtheiten auf, leistete sich Tätlichkeiten, unter anderem gegen Ulf Kirsten, Giovane Elber oder Soumaila Coulibaly. Trotzdem bleib Lehmann auch in seiner Dortmunder Zeit alles andere als erfolglos, führte er den BVB 2002 neben der deutschen Meisterschaft auch ins UEFA-Cup-Finale, das in Rotterdam gegen Feyenoord nur knapp mit 2:3 verloren ging. Doch rund um das Westfalenstadion sind vor allem Lehmanns fünf Platzverweise in vier Jahren in Erinnerung geblieben, nicht zuletzt, weil er sich mit einem solchen nach Foul gegen Kevin Kuranyi im Ligapokal gegen Stuttgart im Sommer 2003 gen London verabschiedete.
Was folgte, war die angesprochene perfekte erste Saison bei Arsenal, und der Ausruf eines offenen Torwartduells um den Platz 1 in der Nationalelf durch den neuen Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Nach einer kurzen Krise im Winter 2004/2005, in dem er seinen Stammplatz kurzfristig an den Spanier Manuel Almunia verlor, schien Lehmann dieser Konkurrenzkampf letztendlich mehr zu befeuern als seinen ewigen Widersacher Oliver Kahn. Lehmann sah endlich eine faire Chance für sich, und selbst wenn für viele Beobachter die Patzer von Oliver Kahn im Frühling 2006 sowie Lehmanns gleichzeitig überragende Leistungen bei Arsenal auf dem Weg ins Champions-League-Finale dieses Duell entschieden, so war für Lehmann selbst in diesem Zusammenhang das 0:0 der DFB-Elf in Paris gegen Frankreich im November 2005 ausschlaggebend, eine Partie, die unter defensiven Gesichtspunkten betrachtet dem „idealen Spiel sehr nahe“ kommt, so Lehmann.
Auch wenn Arsenal London das Finale der Champions League 2006, ebenfalls in Paris, wegen Jens Lehmanns Platzverweis in der 19. Minute mit 1:2 gegen den FC Barcelona verlor, war es doch der deutsche Torwart, der sein Team überhaupt erst soweit brachte: In acht bisherigen CL-Partien der Saison hatte er keinen Gegentreffer hinnehmen müssen, er blieb 852 Minuten in Folge unbezwungen in diesem Wettbewerb. Die UEFA krönte Lehmann daraufhin zum „Besten Torwart der Saison 2005/2006“. Kein Einspruch. Vor dieser Auszeichnung machte sich Lehmann auch in Sachen Nationalmannschaft verdient, aber die WM-Hymnen wurden auch auf pokalo.de bereits häufig genug gesungen.
Zu Beginn dieser Saison fiel Lehmann aufgrund zweier Patzer und einer Kapselzerrung im Sprunggelenk erneut in Ungnade bei Trainer Arsene Wenger und versucht seitdem vergeblich, seinen neuerlich an Almunia verlorenen Stammplatz bei Arsenal London wieder zu erlangen. Ein Wechsel in die Bundesliga scheint zur Winterpause nicht ausgeschlossen, will er seine Hollywood-Karriere doch im Sommer 2008 in Österreich und der Schweiz um ein weiteres glanzvolles Kapitel bereichern. Am 29. Juni im Ernst-Happel-Stadion würde Jens Lehmann auch garantiert nicht vorzeitig in die Kabine rennen und seine Mitspieler alleine auf dem Rasen feiern lassen. Ganz sicher nicht.



 
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