07.03.07
"Nein, Junge - wir haben keine Angst!"
 
Autor: Tim Sohr

Der italienische Nationalmannschaftskader reiste mit einer Menge Ballast zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Der Manipulationsskandal um Luciano Moggi hatte den Calcio im allgemeinen und die Serie A im speziellen schwer erschüttert und die Glaubwürdigkeit des liebsten Kindes der Italiener grundsätzlich in Frage gestellt. Noch im Mai wurde Trainer Marcelo Lippi öffentlich in Frage gestellt. Seine Vergangenheit, seine fünf Meistertitel mit Juventus Turin sowie der Champions-League-Erfolg 1996, waren ebenso überschattet von Doping und Korruption, und sein Sohn Davide, Besitzer einer Spielervermittlungsagentur, wurde verdächtigt, in den aktuellen Skandal verwickelt zu sein. Und noch wenige Tage vor der WM musste Nationaltorwart Gianluigi Buffon vor Gericht seine Wettschulden erklären.
Lippi blieb zwar Trainer, aber schlechter können die Voraussetzungen für den Kader eines dermaßen fußballbesessenen Landes wie Italien kurz vor einem Weltturnier dennoch kaum sein. Und spätestens als „Kaiser“ Franz Beckenbauer den Italienern aufgrund dieser Umstände in aller Öffentlichkeit eine frühe Heimreise prophezeite, setzte kaum jemand mehr einen Pfifferling auf diese eigentlich so hoch gehandelte Mannschaft. Die Italiener hingegen entwickelten Trotz ob der Schwerter, die nun jedermann über sie zu brechen versuchte, und gingen als vielleicht motiviertestes Team der 32 Teilnehmer ins Rennen um den Titel.

Ein steiniger Weg durch das Turnier

Und diese Motivation, die sich über die äußeren Einflüsse entwickelte, erscheint in der Retrospektive als der vielleicht alles entscheidende Faktor dafür, dass das Turnier für Lippis Truppe so erfolgreich verlief. Denn dass diese Spieler zu den technisch versiertesten Vertretern ihres Fachs zählen und zudem taktisch auf dem allerhöchsten Stand des Weltfußballs agieren, wird dem objektiven Betrachter, der sich trotz Vorverurteilung noch mit den Italienern befasste, schnell deutlich. Im ersten Spiel in Hannover wird dem stärksten Vertreter Afrikas, dem Team aus Ghana, auf die denkbar souveränste Art die Grenzen aufgezeigt. 2:0! Und nach dem kleinen Rückschlag von Kaiserslautern, dem 1:1 gegen die USA in einem unfair geführten Spiel, in dem das defensive Ausnahmetalent Daniele de Rossi aufgrund eines brutalen Ellbogenchecks vom Platz gestellt wurde, bestätigte die „Squadra Azzura“ im entscheidenden Vorrundenspiel gegen Tschechien neben ihrer taktischen Reife auch erstmals eine gehörige Portion Abgebrühtheit. In der 17.Minute verletzte sich Abwehrchef Alessandro Nesta und für ihn kam ein Spieler, der zu einer entscheidenden Figur der WM werden sollte: Marco Materazzi. Neun Minuten später köpfte ebenjener Materazzi das 1:0 – die Partie gegen verunsicherte Tschechen war entschieden, denn nun waren die Italiener psychologisch entscheidend im Vorteil und beschränkten sich – nicht zum letzten Mal im Turnier – auf ihren ureigenen Catenaccio. Und als es gar nicht mehr anders ging, markierte der eingewechselte Inzaghi nach einem Konter in der 87.Minute das 2:0. Die K.o.-Runde war nicht glanzvoll, aber doch relativ ungefährdet erreicht, und dass in einer der nominell stärksten Vorrundengruppen. Im Achtelfinale wartete das Überraschungsteam aus Australien, das sich in seiner Vorrundengruppe gegen Kroatien und Japan behaupten konnte. Die „Socceroos“ von Trainer Guus Hiddink hatten die neutralen Fußballfans auf ihrer Seite, als am extrem heißen Nachmittag des 26.Juni in Kaiserslautern das Achtelfinale über die Bühne ging, dessen Nachspielzeit in die Fußballgeschichte eingehen sollte. Materazzi hatte zu Beginn der zweiten Hälfte eine übertriebene Rote Karte gesehen und fortan hatten sich die Italiener erneut auf die Verteidigung beschränkt, Abwehrspieler Andrea Barzagli war für den glücklosen Luca Toni gekommen und die Australier bissen sich an dem defensiven Siebener-Block der Italiener unbeholfen die Zähne aus. So kam es dann, in der vierten Minute der Nachspielzeit, dass Fabio Grosso über die linke Seite in den australischen Strafraum eindringen konnte und geschickt über die Beine von Lucas Neill stolperte. Den zweifelhaften Elfmeter verwandelte der erst in der 75.Minute eingewechselte Francesco Totti eiskalt, das Spiel wurde gar nicht erst wieder angepfiffen.

„Für Pessottino“

Italien stand im Viertelfinale. Tags darauf sprang Gianliuca Pessotto, ehemaliger Juve-Profi und amtierender Interims-Sportdirektor des Skandalvereins, in der Heimat aus seinem Bürofenster und überlebte den Selbstmordversuch schwerverletzt. Einige Profis des italienischen Kaders hatten noch mit Pessotto, dem nach dem Ende seiner Karriere schwere Depressionen nachgesagt wurden, zusammen gespielt. Doch auch diesen Schock nutzten sie auf beeindruckende Weise zu ihrem Vorteil, die Ukraine wurde im Viertelfinale mit 3:0 aus der Hamburger AOL-Arena gefegt. Und Kapitän Fabio Cannavaro entrollte nach dem Sieg im Stadion eine Italienfahne mit der Aufschrift „Für Pessottino“. Spätestens jetzt waren die stolzen Italiener nicht mehr aufzuhalten, was die siegestaumelnden Deutschen nicht so recht mitbekommen sollten. Was sie aber mitbekamen, war die Ein-Spiel-Sperre für Mittelfeldsupermann Torsten Frings nach der Rangelei mit den Argentiniern im Anschluss an das Elfmeterschießen. Der italienische Privatsender „Sky“ hatte der FIFA entsprechendes Bildmaterial zukommen lassen. Damit war unmittelbar vor der Partie eine Menge Öl ins Feuer gegossen. Die BILD-Zeitung rief zum Pizzaboykott auf, zum ersten Mal wurde bei dieser WM die Hymne eines Gegners gnadenlos niedergepfiffen, und tatsächlich wirft diese Posse einen faden Beigeschmack auf das Halbfinale. Über ein halbes Jahr später beteuerte Marcelo Lippi in der SportBild noch einmal ausdrücklich die Unschuld der italienischen Verantwortlichen an der Sperre für Frings.
Die Deutschen waren pikiert, die Italiener aber auch. Eine Glosse in der Online-Ausgabe des „Spiegel“ hatte sie erzürnt. Dort wurden sie sinngemäß als eitle und verhätschelte Truppe von Muttersöhnchen dargestellt. Der Artikel wurde zunächst auf italienische Proteste hin verändert und schließlich komplett aus dem Netz genommen.
Gennaro Gattuso sah nicht nur sich persönlich, sondern alle Einwanderer seiner kalabrischen Heimat verunglimpft, und giftete auf einer Pressekonferenz vor dem Halbfinale: „Vielleicht machen sie das, weil die Frau des Chefredakteurs ihn mit einem Italiener betrogen hat.“ Viel Vorgeplänkel, doch es waren die Italiener, die mit einer sensationellen Leistung im besten Spiel des Turniers gegen an diesem Abend etwas glücklose Deutsche ins Finale einzogen. Wer vor dieser Dortmunder Kulisse das Spiel mit einem Traumtor und einem lupenreinen Konter in den letzten beiden Minuten der Verlängerung entscheidet, ist nicht nur kühl bis ans Herz, sondern auch eigentlich schon mit dem Erreichen des Finales ein würdiger Weltmeister.
Trainer Lippi hatte nach zwei Jahren Amtszeit, in denen er insgesamt 70 Spieler eingesetzt hatte, also nicht nur die perfekte Mischung bei der Zusammensetzung des Kaders gefunden (und dabei auf schwierige Charaktere wie Antonio Cassano verzichtet), sondern mit diesen Spielern auch das Ziel seiner Träume erreicht – das WM-Finale im Berliner Olympiastadion, wo Frankreich der Gegner war und Marco Materazzi zur tragenden Figur wurde, indem er einen Elfmeter verursachte, das 1:1 köpfte, Zinedine Zidane entscheidend provozierte und zudem den zweiten italienischen Elfmeter im Elfmeterschießen verwandelte. Mit dem letzten Elfmeter traf Fabio Grosso, der Umfaller gegen Australien und Killer der Deutschen, der damit ebenso wie ein halbes Dutzend weiterer Spieler diesem Team seinen ganz besonderen Stempel aufdrückte und von denen man sich in Italien noch in hundert Jahren ehrfürchtig erzählen wird. Denn so sehr der Weg dieses Teams zum Titel von Skandalen und Intrigen gepflastert war (und von eingeölten Werbefotos in Unterhosen von Dolce und Gabbana), so unbestritten handelte es sich bei Lippis Mannschaft um eine der famosesten italienischen Nationalmannschaften aller Zeiten. Neben dem höchstmöglichen taktischen Niveau war fast jeder Spieler in der Lage, mit technischen Mitteln ein Spiel alleine zu entscheiden. Gepaart mit einer Nervenstärke, die in den letzten Jahren im Weltfußball ihresgleichen suchte, war diese Kombination trotz allem (heraufbeschworenen) Glück kaum zu bezwingen. Trainer Lippi und sein gerade rechtzeitig zur WM fit gewordener Superstar Francesco Totti traten nach dem Turnier folgerichtig zurück. Sie wussten, dass sie den Höhepunkt erreicht hatten.

Subtile Signale als Zeichen der Stärke

Vielleicht sind es zwei Anekdoten, die im Zusammenhang mit Sönke Wortmanns Dokumentation „Deutschland. Ein Sommermärchen“ stehen, die den Charakter dieser Weltmeistermannschaft am besten erklären.
So schreibt Wortmann in seinem WM-Tagebuch (erschienen bei Kiepenheuer & Witsch) zum ersten Aufeinandertreffen der Teams während der Vorbereitung auf das Halbfinale im WM-Stadion von Dortmund: „Wir standen auf der Spielhälfte links vom Spielertunnel, und als die Italiener kamen, machten sie etwas, was ich sehr schlau fand. Sie sind nicht etwa auf die freie rechte Hälfte gegangen, sondern auch auf die linke Seite gekommen. Das war ganz unaggressiv, sollte aber auf subtile Weise signalisieren: (...)Wir sind auch da!“ Weniger subtil, aber genauso aussagekräftig ist die „Sommermärchen“-Szene aus den Katakomben kurz vor dem Anpfiff, als sich beide Teams begegnen. Von Seiten der deutschen Mannschaft hört man gegenseitige Anfeuerungsrufe, und schließlich sagt Lukas Podolski: „Los, Männer, die haben Angst!“
Das lässt natürlich kein stolzer Italiener auf sich sitzen. Und dennoch war es mehr als nur eine bloße Retourkutsche, als daraufhin eine süffisante ältere Stimme aus dem Tross der Italiener, vielleicht ein Betreuer, vielleicht der Mannschaftsarzt, verkündete: „Nein, Junge – wir haben keine Angst!“
Und es klingt wie eine Drohung. Oder eine Prophezeiung. Eine bessere Prophezeiung jedenfalls als die von Franz Beckenbauer.



 
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