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06.02.07 Cool as fuck Autor: Tim Sohr
Die großen deutschen Trainer der Moderne sind auch nicht mehr das, was die großen deutschen Trainer der Vergangenheit waren. Früher wimmelte es unter den Fußballlehrern der Republik nur so von spektakulären Persönlichkeiten. In der Bundesliga der 60er und 70er Jahren jagten sich die unglaublichsten Kauze gegenseitig aus den Ämtern. Und weltweit anerkannte Namen wie Ernst Happel, Pal Csernai oder Branko Zebec kamen aus dem Ausland nach Deutschland und rundeten das beeindruckende Bild ab, dass einheimische Spitzenleute wie Hennes Weisweiler oder Udo Lattek erfolgreich prägten. Sie alle vereinten zentrale Gemeinsamkeiten: Einen Sachverstand, der über jeden Zweifel erhaben war, eine unangefochtene Autorität, die ihnen einen sensationellen Umgang mit ihren Spielern gewährleistete, und ein ambivalentes Verhältnis zur Presse, das an Facettenreichtum kaum zu überbieten war. Trainer mussten besondere Erscheinungen sein. Die heutigen Aushängeschilder auf den Trainerbänken der Liga sind andere Kaliber. Der größte Unterschied ist: Sie sind nicht so komplett wie ihre Wegbereiter aus damaligen Zeiten. Felix Magath scheitert häufig am passenden Verhältnis zu seinen Spielern, wofür ein Weltklassespieler wie Torsten Frings das beste Beispiel abgibt, der nie wieder unter Magath trainieren will. Ottmar Hitzfeld zeigte sich zu schwierigen Bayern-Zeiten oft unsouverän und verkrampft, nicht zuletzt im Spiel mit den Medien. Und Christoph Daum hat selbst im Vergleich zu den ganz sicher nicht konfliktscheuen Epigonen von einst einfach zu viele Feinde innerhalb des Fußballbetriebes.
Ein kometenhafter Aufstieg
Komplette Trainer sind seltener gewordenen. Vielleicht ist Arsenals Arsene Wenger einer. Oder Italiens Weltmeistermacher Marcelo Lippi. Ganz sicher aber ist die spektakulärste Coach-Gestalt der jüngeren Fußballgeschichte der Mann, der beim FC Chelsea momentan die schwerste Saison seiner noch so erstaunlich jungen Trainergeschichte durchstehen muss: Der Portugiese Jose Mourinho. Der ehemalige Co-Trainer und Übersetzer der Legende Bobby Robson bei Sporting Lissabon und dem FC Barcelona hat seit Beginn des Jahrtausends eine absolut beispiellose Karriere hingelegt. Nach kurzen Gastspielen bei Benfica Lissabon (2000-01) und Uniao Leiria (2001-02) begann der kometenhafte Aufstieg des jungen Chefcoaches mit seinem Engagement für den FC Porto im Jahre 2002. Er bildete ein selbstrekrutiertes und fast ausschließlich portugiesisches Team, das – bis auf den zentralen Mann Deco – ohne große Namen auskam, um die ganz großen Erfolge zu feiern. In seiner ersten Saison gewannen Mourinho und der FC Porto den Meistertitel, den portugiesischen Pokal, den portugiesischen Supercup und den UEFA-Pokal. Den Meistertitel konnte die Truppe 2004 gar verteidigen, während sie zeitgleich auch den größten denkbaren Coup realisierte und im Champions-League-Finale 2004 im Duell der Überraschungsmannschaften den AS Monaco souverän mit 3:0 aus der Arena AufSchalke fegte. In nur zwei Saisons hatte Mourinho mit Porto alles erreicht, was die Trophäenvitrinen des europäischen Fußballs hergeben, ein Tapetenwechsel war die logische Folge für den ehrgeizigen Portugiesen. Und der FC Chelsea lockte ihn nicht erst, nachdem Mourinhos Porto für Abramowitschs Millionärsverein im Halbfinale der Champions League die Endstation bedeutet hatte. Der Wechsel in den noblen Stadtteil der Themsenmetropole bedeutete für Mourinho eine immense Popularitätssteigerung und das war das Beste, was dem begnadeten Selbstdarsteller passieren konnte. „Ich las, dass ich noch viel zu beweisen hätte im englischen Fußball“, verkündete er auf einer seiner ersten Pressekonferenzen auf der Insel, „ aber Sir Alex Ferguson ist der einzige europäische Champion in diesem Land. Also, was habe ich zu beweisen?“ Seinen arroganten Humor paart Mourinho zwar mit einem durchaus entwaffnenden Charme, dennoch tun sich die Engländer seit seinem ersten Tag in der Premier League mit der Art des jungen Erfolgstrainers sehr schwer. Mourinhos Ego sei „völlig außer Kontrolle” geraten, verkündete “The Sun” abfällig, aber nicht ganz ohne Bewunderung. Der angesehenere „Daily Telegraph“ setzte sich etwas „tiefenpsychologischer“ mit dem Phänomen Mourinho auseinander und stellte selbstkritsich fest: „Mourinho in seiner selbstverliebten Arroganz ist der Brennpunkt unserer engstirnigen Eifersucht“.
Eigenwillige Methoden
Aber nicht nur in Großbritannien sorgte er in seiner ersten Saison bei Chelsea für Wirbel. Europaweit geriet Mourinho in Negativschlagzeilen, als er versuchte, das Champions-League-Achtelfinale mit Psychotricks zu beeinflussen. Der FC Barcelona und Chelsea lieferten sich zwei vorgezogene Finals auf Augenhöhe. Das Hinspiel in Nou Camp hatte Barca mit 2:1 gewonnen. Mourinho wähnte sein Team im Hexenkessel von Barcelona von Schiedsrichter Anders Frisk benachteiligt, ließ die Mannschaft viel zu spät zur zweiten Halbzeit erscheinen und boykottierte die Pressekonferenz im Anschluss an die Partie. Er erfand Lügengeschichten, die sich darum drehten, dass Frisk den Barca-Trainer Frank Rijkaard in der Kabine besucht hätte. Fabeln, die ihre Wirkung nicht verfehlten: Frisk bekam Morddrohungen und trat zurück. Mourinho aber war noch nicht fertig. Er zog weiteren Zorn der UEFA auf sich, als er die Nominierung von Pierluigi Collina für das Rückspiel prophezeite und im selben Atemzug öffentliche Lobeshymnen auf den italienischen Schiedsrichter sang. Collina leitete das Rückspiel tatsächlich und übersah beim entscheidenden 4:2-Treffer für Chelsea ein klares Foulspiel an Barcelona-Torwart Valdes. Rijkaard lamentierte nicht, aber er sagte nach dem Spiel: „Was Mourinho getan hat, war ernst. Es war ein ganzes Bündel ernsthafter Lügen – und das nicht zum ersten Mal.“ In seiner Debütsaison bei Chelsea war es tatsächlich nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass der Trainer mit eigenwilligen Aussagen und Aktionen aus dem Rahmen fiel. Er beschimpfte Alex Ferguson und sein Team von Manchester United nach dem Ligapokal-Halbfinale als „Betrüger“. Er missachtete die Regularien der Premier League, als er sich mit Arsenals Ashley Cole persönlich traf, um diesen vom Lokalrivalen abzuwerben, nur um hinterher brühwarm zu lügen, zum fraglichen Zeitpunkt nicht Cole, sondern Adriano von Inter Mailand getroffen zu haben. So zog er ganz nebenbei auch noch heftigen Zorn aus Italien auf sich. Zollt er dann einmal den gegnerischen Fans Respekt, wie er es tat, als er nach dem verlorenen Champions-League-Halbfinale an der Anfield Road den unglaublichen Fans des FC Liverpool applaudierte, wirkt bei ihm selbst ernstgemeinte Anerkennung wie diese oft nur wie Hohn und Spott.
Die Bewunderung seiner Spieler
Mourinho kämpft gerne auf mehreren Schauplätzen. Aber der Erfolg gibt ihm Recht, und zwar wie kaum einem zweiten. Er holte 2005 den ersten Meistertitel für den FC Chelsea nach 50 Jahren und, so ganz nebenbei, wurde auch der Ligapokal gewonnen. Und der Respekt, die Anerkennung, ja, die Bewunderung seiner Spieler wird in jedem Interview deutlich, dass die Profis des FC Chelsea der Presse gewährleisten. „Ich verdanke Jose eine Menge“, so Mittelfeldmann Joe Cole, „ er hat mir einige Lektionen in Sachen Disziplin erteilt.“ Und Robert Huth schwärmte während seiner Zeit beim Londoner Renommierverein regelmäßig in den allerhöchsten Tönen von dem Trainer, der ihn nur sporadisch einsetzte: „Viele würden gern so sein wie er. Aber keiner hat den Mut und die Power, so zu sein wie Jose Mourinho. Und ganz ehrlich, jeder in unserem Team würde für ihn sein letztes Hemd geben.“ Der Wert eines Trainers ist wohl am ehesten an den Bekenntnissen seiner Spieler zu ihm zu bemessen. Dennoch ist es ein schmaler Grat, auf dem ein Exzentriker wie er zwangsläufig wandelt. „Er muss Demut lernen“, sagt sein ehemaliger Ziehvater Bobby Robson über den Welt-Klubtrainer der Jahre 2005 und 2006. Und tatsächlich ist Mourinho derzeit beim FC Chelsea nicht mehr so unumstritten, wie er es seit seinem Amtsantritt im Sommer 2004 eigentlich ununterbrochen zu sein schien. Zwar wurde 2006 der Meistertitel verteidigt, das ernüchternde Viertelfinal-Aus einer Chelsea-Mannschaft ohne Ideen in der Champions-League-Revanche gegen den FC Barcelona sorgte jedoch bereits für erste Missstimmung im Klub. Die europäische Krone muss das Ziel für Chelsea sein, und die Tatsache, in den letzten beiden Jahren jeweils gegen den späteren Cupsieger ausgeschieden zu sein, ist eine wenig tröstliche. Besitzer Roman Abramowitsch verliert allmählich die Geduld mit seinem Trainer, der in der aktuellen Saison Probleme hat, seine neuverpflichteten Stars Andriy Shewtschenko und Michael Ballack ertragreich in die Mannschaft einzubauen. Peter Kenyon, Geschäftsführer des FC Chelsea dementiert energisch, aber der Name Guus Hiddink, aktueller russischer Nationaltranier mit entsprechenden Kontakten zu Abramowitsch, macht hartnäckig die Runde an der Stamford Bridge. „Ich finde es amüsant, dass dies als dunkler Moment meiner Trainerlaufbahn bezeichnet wird, nur weil ich drei Mal unentschieden gespielt habe“, blieb Mourinho bereits Anfang Januar ob der schwierigen Situation gelassen. Und tatsächlich ist die Meisterschaft trotz sechs Punkten Rückstand auf ManU noch nicht abzuschreiben, und das CL-Achtelfinale wurde ebenfalls problemlos erreicht.
Mourinho weiß um seinen Status. Sollte Abramowitsch ihn entlassen, stehen die internationalen Topklubs bei ihm Schlange. Real Madrid soll bereits auf der Lauer liegen, Juventus Turin bekundete Interesse, Inter Mailand stritt ein Liebäugeln mit dem Portugiesen selbst für italienische Verhältnisse nur halbherzig ab. Der größte Aufsteiger, den der europäische Fußball im letzten Jahrzehnt hervorgebracht hat, polarisiert wie kein Zweiter, hat aber auch mehr Erfolg als alle anderen. Nichts anderes zählt. Und Leute wie Mourinho sind nicht nur in Deutschland rar geworden. Seine Spieler wissen das. „Wir wollen alle, dass der Coach bleibt“, sagt Joe Cole, „und der Verein weiß das auch. Wir werden alles daran setzen, ihn zu halten.“ Und grinst breit, auf die Frage, warum das Team sich da so einig ist: „Because he’s cool as fuck.“
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