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18.12.07 Offener Brief an Tim Sohr Autor: Tim Sohr
Lieber Tim Sohr,
nun ist bereits ein Jahr vergangen, seitdem Du Dich mit Deinem Wunschzettel an mich gewandt hast. Du hattest Träume, Visionen, Vorstellungen von dieser Fußballwelt, die sich im ablaufenden Jahr 2007 Deiner Meinung nach unbedingt erfüllen sollten, und in berechtigter Skepsis und Misstrauen gegenüber dem gewöhnlichen Lauf der Dinge hast Du diesbezüglich um meine tatkräftige Unterstützung gebeten. Es ziemt sich nicht, den Fußball-Gott um Hilfe zu beten. Im Fußball verhält es sich nämlich wie in jeder anderen Religion: Der Gott zeigt Dir den Weg, doch was auf diesem Weg auch immer passieren möge, ist Schicksal, eine Aufgabe, mit der man lernen muss umzugehen. So ist das Leben, so ist die Religion, so ist auch der Fußball. Lass uns gemeinsam auf deine letztjährigen Wünsche zurückblicken und damit die Fakten für sich sprechen lassen. Was für eine unglaubliche Menge an Unmöglichkeiten hast Du bloß damals eingefordert?
Sebastian Deisler möge 365 Tage verletzungsfrei bleiben – noch im Januar beendete das vom Schicksal verfolgte Talent seine Karriere.
Von Hertha BSC erhofftest Du Dir eine komplette Startelf aus Sido- und Bushido-Klons – alsbald wechselten entsprechende Aushängeschilder wie Ashkan Dejagah oder die Boateng-Brüder zu anderen Vereinen.
Miroslav Klose hast Du Angebote europäischer Top-Klubs gewünscht – der FC Bayern mag ein solcher Verein sein, die ausländischen Blockbuster zeigten sich weniger begeistert von Deutschlands Stürmerstar Nummer eins.
Der Russenmafia sollte, aus Deinem Blickwinkel, der Spaß am Fußball-Monopoly vergehen – ein Ende der Oligarchisierung der Fußballwelt ist ein Jahr später längst nicht abzusehen. Im Gegenteil.
Du hast mehrsilbige Interviews von Felix Magath gefordert, damit er die Hitzfeldsche Tradition der Interview-Langeweile bei Bayern nicht weiter fortsetze – drei Monate später wurde Magath von Hitzfeld abgelöst.
Außerdem hast Du irgendetwas von Jürgen Klinsmann als Trainer der US-amerikanischen Nationalmannschaft erzählt – ein Amt, welches der Exil-Schwabe bis heute nicht innehat.
Du hast Dir den Verbleib von Juventus Turin in der zweiten italienischen Liga erhofft – die „alte Dame“ belegt derzeit Platz 3 der Serie A. (Stand: 12.12.2007)
Dem 1. FC Köln mit Christoph Daum hast Du dagegen die Aufstiegsdaumen gedrückt – auch in dieser Saison wird das für den rheinischen Karnevalsverein eine äußerst schwere Aufgabe.
Du hast Dir ein Champions-League-Finale derselben Dramatik und Klasse wie 2005 gewünscht – letztendlich waren nur die Vereine, der AC Mailand und der FC Liverpool, identisch.
Auch war Dein Traum eine dramatische Radiokonferenz am 34. Bundesligaspieltag – kann sich irgendjemand noch wirklich lebhaft an das Finale der letzten Saison erinnern?
David Odonkor hast Du gutes Gelingen in Sevilla mit auf den Weg gegeben – verletzt und / oder formschwach steht das Sprintwunder dort kaum auf dem Platz.
In Deinen Augen sollte Lukas Podolski 2007 einen Hattrick nach dem anderen erzielen – ihm gelang im gesamten Fußballjahr keine Einziger, und beim FC Bayern hat er sich bis zum heutigen Tage nicht durchgesetzt.
Deinem Verein Fortuna Düsseldorf hast Du die Rückkehr in den bezahlten Fußball gewünscht – es reichte nur zur (brandaktuellen) Herbstmeisterschaft der Regionalliga.
Auch auf das erste Outing eines homosexuellen Bundesligaprofis wartest Du – und alle anderen – immer noch vergeblich.
Du wolltest ein Länderspiel für Roman Weidenfeller als Belohnung für jahrelang konstante Leistungen – wovon der Dortmunder Keeper heute aufgrund schwankender Vorstellungen im Jahr 2007 weiter entfernt ist denn je.
Freudig hast Du auch das Trainerdebüt von Lothar Matthäus in die Bundesliga erwartet – bis jetzt hat es für den Rekordnationalspieler nur zu frischen (und reichlich unrealistischen) Gerüchten um ihn als Bayern-Trainer gereicht.
Der fromme Wunsch, der Rassismus möge aus deutschen und internationalen Stadien verschwinden – hast Du wirklich daran geglaubt?
Eine Autobiographie von Wolfram Wuttke müsstest Du vielleicht selbst verfassen, damit sich dieser Wunsch eines Tages erfüllt.
Dass Ivan Klasnic seine Form wieder findet, war zum Zeitpunkt, an dem Dein Brief mich erreichte, auch der Wunsch vieler anderer Fans – wenige Tage später wurde seine Nierenerkrankung öffentlich.
Und die erhoffte Verbannung jeglicher „Bild“- und „SportBild“-Journalisten aus u. a. dem DSF-„Doppelpass“ hat sich eher in das Gegenteil verkehrt – die Springer-Mafia garantiert inzwischen beinahe wöchentlich einen Vertreter ihres Clans in der populistischen Runde.
Ich hoffe, lieber Tim, diese Erfahrung war dir eine lebenslange Lehre: Stelle niemals, aber auch niemals, Forderungen an den Fußball-Gott. Daran sind in der Vergangenheit nicht nur Rainer Calmund oder Rudi Assauer gescheitert. Du solltest dir zum diesjährigen Weihnachtsfest lieber neue Schuhe wünschen. Einen iPod. Oder den Weltfrieden.
Dir und Deiner Familie eine besinnliche Zeit! Amen.
Dein Fußball-Gott
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